Auf den Kopf gestellte Welt

Home Schooling in der Familie Ibáñez.

Andine Perspektiven auf den Umgang mit Corona in Deutschland. Ein kritischer Blick auf Privilegien in Zeiten von Pachakutik

In nur vier Monaten hat sich das Leben von Millionen Menschen auf der Welt verändert, für einige mehr als für andere, aber der gemeinsame Nenner ist Veränderung.

Im Gegensatz zum westlichen Blick mit linearer Zeitlichkeit, in dem wir die Welt durch die Gegenüberstellung von  Dualitäten wie schlecht-gut, Mann-Frau, Himmel-Hölle verstehen, leben wir aus der Perspektive der Andenwelt in Zeiten der Pachakutik, der „auf den Kopf gestellten Welt“. Das bedeutet auch, dass es Zeit ist, das Gute im Schlechten, aber auch das Schlechte im Guten zu suchen. In der Logik der Völker der Andenregion sind dies Zeiten, in denen sich die Menschen der Natur um uns herum beugen müssen. Es ist Zeit, den Kopf zu senken und auf die Gelegenheit zu warten, sich zu regenerieren. Worte wie das Zurückgehen, Widerstehen, aber auch das Verbeugen vor den Apus (Bergen) sind in der Andensprache in Situationen wie der, die wir heute erleben, sehr präsent.

Sicherlich ist diese Weltsicht für unseren Geist, der an den Anthropozentrismus – die Logik, dass der Mensch das Zentrum des planetarischen Lebens ist – gewöhnt ist, schwer zu verstehen, aber gar nicht so schwer aus der Perspektive vieler anderer Kulturen der Welt, und auch aus den Erkenntnissen der Naturwissenschaft heraus: Für Wissenschaften wie Physik, Astronomie, Geologie oder Biologie ist der Mensch nur eines von unzähligen Lebewesen auf unserem Planeten. Im kosmischen Maßstab ist die Geschichte der Menschheit nichts als ein  Wimpernschlag“, ein kurzer Moment in der langen Geschichte des Universums, der sich auf einem kleinen Sandkorn am Rande einer Galaxie mit hunderten von Milliarden Sonnen ereignet.

Der Rat meiner Großmutter aus den Anden

Inmitten von Angst, Sorge und Traurigkeit suche ich nach etwas, woran ich mich festhalten kann. Ich ging zu meinen indigenen Wurzeln zurück und fragte meine Großmutter, eine Indianerin aus den Anden, ob sie in der Situation etwas Gutes sehen kann. Und sie antwortet mir mit  inem Lied in Quechua. Ich verstand die Botschaft nicht gleich, sondern brauchte Literatur und viele Nächte, um zu verstehen, was meine Großmutter mir sagen wollte. Sie macht die Antworten nicht einfach, sie möchte, dass ich mein Gutes im Schlechten finde, aber sie verlangt auch,  dass ich kritisch bin und das Schlechte im scheinbar Guten suche.

Es ist richtig, dass die Bundesregierung in den Augen der Welt sehr gut mit der Pandemie umgegangen ist, und ich möchte das in diesem Artikel nicht in Frage stellen. Aber ich möchte über jene Themen nachdenken, die für die Statistik nicht relevant sind, eben jene Situationen, die  isoliert erscheinen, aber die doch viele von uns betreffen, die in diesem geografischen Raum namens Deutschland leben. Wenn heute nicht nur das Thema der Pandemie, sondern auch die weltweiten Proteste und Debatten zu Rassismus und Ausgrenzung auf der Tagesordnung  stehen, dann müssen auch die Situationen, in denen Menschen in der Pandemie benachteiligt werden, thematisiert werden. Dazu möchte ich im Folgenden mit einigen persönlichen Reflektionen beitragen.

Benachteiligung erzeugt Frust

Ich bin Mutter und Migrantin. Meine drei Kinder bekamen – wie viele andere auch – seit den Schulschließungen im März jede Woche viele Aufgaben. Das, was vorher in der Schule gemeinsam und mit der Hilfe der Lehrer_innen gelernt wurde, sollte zuhause mit einem Stapel von Aufgabenblättern abgearbeitet werden. Auch wenn erstmal für uns die Sommerferien angefangen haben, so leide ich immer noch darunter, dass ich meine Kinder nicht so unterstützen konnte, wie ich es mir vorgestellt hätte, wenn ich in diesem Land aufgewachsen wäre. Ich fühle mich machtlos und abhängig. Ich denke immer wieder an jene anderen Eltern, die nicht in diesem Land aufgewachsen sind, und auch an diejenigen, die, obwohl sie hier geboren sind, aus irgendeinem Grund ihren Kindern nicht die Unterstützung anbieten können, die andere, privilegiertere Eltern leisten können. Und ich frage mich, werden unsere Kinder auch unsere Benachteiligungen erben?

Es gibt Kampagnen, um Familien mit Geld beim Kauf von Computern zu unterstützen. Das klingt gut, aber die Lösung ist leider nicht immer 'kaufen'. Solidarität teilt nicht nur materielle Dinge, sondern auch unser Wissen. Es ist nicht nur Deutsch, es ist auch die Logik, wie hier in Schulen gelernt wird, weit entfernt von der Art und Weise, wie wir in anderen Teilen der Welt lernen. Wie ich sitzen Tausende von Eltern mit Migrationshintergrund der ersten oder zweiten Generation jeden Tag mit unseren Kindern zusammen, um ihnen zu helfen, und sind frustriert,  wütend und verzweifelt.

Vergesst die Kinder nicht!

Hier scheint es mir eine Verbindung mit einem anderen Aspekt zu geben, der mir auffällt: das auf Erwachsene ausgerichtete Management der Pandemie. Die Regeln werden von Erwachsenen für Erwachsene gemacht. Ich habe wenig Aufmerksamkeit für die emotionale Gesundheit  von Kindern gesehen, und ich befürchte, dass das negative Folgen für Kinder haben wird. Es gibt fast jeden Abend Nachrichtensendungen und Talkshows und unzählige Artikel über die Pandemie, aber nur sehr selten habe ich darin die Beiträge von Kinder- und Jugendpsycholog_innen gehört. Ich habe mich in diesen vier Monaten gefragt, wie ich einem kleinen Kind erkläre, dass es nichts mehr mit anderen teilen kann und Abstand halten muss? Die Kindheit ist genau das Stadium, in dem Menschen lernen, mit anderen Beziehungen aufzubauen, zu teilen, zu helfen. Plötzlich ist es Kindern nicht mehr möglich, auf natürliche Weise miteinander zu interagieren. Den Kindern, die ohnehin schon benachteiligt sind, droht durch die Schließung von Kitas und Schulen nun noch mehr den Anschluss zu verlieren.

Dies sind Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, ohne zu wissen, wie lange diese Situation noch anhalten wird. Daher ist es wichtig, die Stimme zu erheben und diese Realitäten auf den Tisch zu legen. Wir sind eine Gesellschaft, die in den Augen der Welt gut mit dieser Situation umgegangen ist, aber wir wissen, dass der Weg noch lang sein könnte und dass diese Pandemie, wie in allen Ländern der Welt, auch unsere Schwächen, unsere Prioritäten und unsere eingeschränkten Sichtweisen auf viele Dinge hervorgehoben hat. Die Privilegierten haben immer eine bessere Überlebenschance, aber auch eine bessere Chance, privilegiert zu bleiben, während die Schwachen, wenn wir nicht rechtzeitig etwas tun, für viele weitere Generationen schwach bleiben werden.

Inmitten der großen Sorgen und Schmerzen sehen wir, dass die Weltordnung, von der uns gesagt wurde, dass sie unmöglich zu ändern sei, eine erstaunliche Formbarkeit aufweist, und hier sehe ich Hoffnung. Hier sehe ich das Gute im Schlechten, die Möglichkeit der Veränderung. Ich lade euch ein, euer eigenes Pachakutik zu leben, zu reflektieren und euch auf die neue Ordnung vorzubereiten, hoffentlich eine der Integration und Rassismusfreiheit, in der wir vorwärts gehen, ohne jemanden zurückzulassen.


Die Soziologin Dr. Carmen Ibáñez ist die Ombudsfrau für Anti-Diskriminierung bei EIRENE. Sie lebt und arbeitet in Köln.

Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
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Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
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