Burundi wählt

Die Radiojournalistin Francine Ndihokubwayo während einer Radiodebatte mit ihrem ehemaligen Kollegen des Radiosenders Isanganiro Pacifique Cubahiro.

Oktober 2019: Radiodebatte in Ngozi, der Heimatprovinz des burundischen Präsidenten Pierre Nkurunziza. Plötzlich erhebt sich ein Vertreter der Regierungspartei auf Provinzebene, ergreift sein Mobiltelefon und fotografiert Francine Ndihokubwayo demonstrativ ins Gesicht. Francine bleibt ruhig, aber ihre Stimme wird ein klein wenig schneller, Schweißperlen bilden sich auf ihrer Stirn.

„War schon ein mulmiges Gefühl. Wer weiß, mit welcher Absicht das geschieht. Unser hiesiger Korrespondent hat bei seiner Recherche ähnliches erlebt. Plötzlich hielt ein weißer Jeep neben ihm, eine Scheibe ging runter, jemand knipste ihm ins Gesicht und fuhr weiter. Etwas Einschüchterung!“ Francine lacht, ein eher sarkastisches Lachen. Sie ist gestandene Journalistin, und eine der wenigen Frauen in Burundi, die sich an politische Themen wagt. Francine Ndihokubwayo strahlt eine natürliche Autorität aus. Sie  schafft es, in unserem Partnerradio Isanganiro den mächtigen Politikern Paroli zu bieten. Seit drei Jahren moderiert sie im EIRENE-Friedensjournalismus-Projekt live ausgestrahlte Radiodebatten zu heiklen politischen Themen. Die dabei gesammelten Erfahrungen teilt Francine während unserer Friedensjournalismus-Schulungen im Maison de la Presse mit jungen burundischen und kongolesischen Journalist_innen.

Medien als Zielscheibe

Seit letztem Jahr dreht sich fast jede Radiodebatte um die Präsidentschaftswahlen, die für den 20.Mai 2020 angesetzt sind. Wahlen und der mit ihnen verbundene Kampf um die Macht bedeuten in Burundi Angst; Angst vor politisch motivierter Gewalt. So kamen in dem kleinen ostafrikanischen Land 1961, 1965, 1993, 2010 und 2015 vor den Wahlen oder kurz nach Bildung einer neuen Regierung viele Menschen ums Leben. 2015 flohen mehr als 300.000 Menschen ins Exil, nachdem Proteste gegen ein als  illegal betrachtetes drittes Mandat des Präsidenten Pierre Nkurunziza mit Schlagstöcken und scharfer Munition niedergeschlagen und ein Putschversuch vereitelt wurde. Journalist_innen waren mitten drin im Geschehen. Medien, insbesondere regierungskritische wurden danach zur Zielscheibe. Einschusslöcher zieren noch heute einige Computer und Mischpulte des Radio Isanganiro. Der Sender wurde erst angegriffen, dann offiziell geschlossen, ein Teil der Journalist_innen floh ins Exil. Francine Ndihokubwayo blieb. Sie erlebte die Wiedereröffnung von Radio Isanganiro mit, nachdem die neue Leitung ein Abkommen mit der Regierung unterzeichnet hatte, zukünftig weniger kritisch zu sein. Mittel zum Zweck für die gebliebenen Journalist_innen,  Hochverrat aus Sicht vieler Journalist_innen im Exil.

 


Friedensdienst in Burundi


Die letzten fünf Jahre in Burundi sind durch eine wirtschaftliche Talfahrt, einen aufgeblasenen Sicherheitsapparat, vereinzelte politische Versuche der Ethnisierung des Konfliktes und weitere Einschränkung der Pressefreiheit gekennzeichnet. Außerdem wurden alle Beziehungen mit dem Nachbarland Ruanda eingefroren. Die Regierungspartei hat ihre Vormachtstellung gefestigt. Ende Januar 2020 lebten noch immer 335.568 Burunder_ innen im Exil (UNHCR). Zu den Wahlen im Mai wird Präsident Pierre Nkurunziza nicht mehr antreten. Kandidat der Regierungspartei CNDD-FDD wird General Evariste Ndayishimiye. Auch die Oppositionspartei CNL wird von einem ehemaligen Rebellenführer, Agathon Rwasa, geführt.

Dezember 2019. Diesmal sind wir in der Provinz Rutana. Eigentlich wollten wir nach Karuzi oder nach Ruyigi. Aber in beiden Provinzen stellen sich die Gouverneure stur. „Wir wollen Euch nicht!“ durch die Blume gesagt, indem bürokratische Stachel auf den Weg gelegt werden, wie die Aufforderung „Bringt uns eine Genehmigung vom Innenminister, persönlich unterschrieben!“, wohl wissend, dass wir uns in der Mühle der Verwaltungsvorgänge ewig drehen würden. In Karuzi war es bereits der dritte Anlauf.

Politische Jugendverbände und die Gewaltspirale

Wie in Ngozi dreht sich die Debatte um gewalttätige Auseinandersetzungen politischer Jugendverbände. Wie in Ngozi treffen verängstigte Blicke der Inyankamugayo auf selbstbewusste Augen der Imbonerakure. Wie in Ngozi wird von Beleidigungen,  Schlägereien, niedergebrannten CNL-Parteigebäuden berichtet, von nächtlichen Patrouillen mit Knüppeln bewaffneter Imbonerakure, von willkürlichen Verhaftungen. Wie in Ngozi sprechen die Vertreter_innen der Regierungspartei von nicht-kontrollierbaren Einzelfällen, von kriminellen Elementen, die sich hinter dem Namen der Partei versteckten, um alte Rechnungen zu begleichen.

Das System verzeiht nicht

Anschuldigungen und Gegenanschuldigungen. Namen werden genannt, Augenzeugen berichten. Das Schweigen ist gebrochen, ein erster Schritt gemacht. Rémy Havyarimana, eingeladener Friedensforscher, schildert anhand konkreter Beispiele, wie Wahlen in Burundi eine Gewaltspirale ausgelöst haben. Die Radiodebatten sind immer auch ein wenig Aufarbeitung der Vergangenheit. Havyarimana spricht von Schuld und Trauma. Er wendet sich an die Vertreter_innen der Jugendverbände: „Glaubt mir,  ihr werdet die Stimmen und Gesichter eurer Opfer nie mehr los“. Ein Raunen geht durch die Runde. Februar 2020. Radiodebatte in Kirundo Kirundo, im hohen Norden Burundis. Kirundo ist eine Hochburg der Imbonerakure, und in letzter Zeit wiederholt Schauplatz politisch motivierter Gewalt: CNL-Anhänger wurden nach der Einweihung ihrer Parteizentrale überfallen und verprügelt. Häuser von CNL-Verantwortlichen wurden demoliert, ihre Schweine und Kühe erschossen. Ehemalige Imbonerakure, die die  Seite gewechselt haben, sind besonders ins Visier geraten. Das System verzeiht nicht.

Radiodebatten schaffen Annäherung

Wie immer beginnt unsere zweistündige Live-Debatte mit einer investigativen Reportage aus einer besonders betroffenen Gemeinde. Augenzeugen von Gewalttaten kommen zu Wort und provozieren Stellungnahmen unserer eingeladenen Gäste. Ein Vertreter der Inyankamugayo bestätigt die Vorfälle, spricht von illegalen Verhaftungen und Folter. Der junge Mann hat den Blick nach unten gerichtet. Der CNL-Präsident der Provinz, Anatole Karorero, spricht von Hilflosigkeit und beschwert sich über die Passivität der Polizei, die wiederum ihre Unparteilichkeit beteuert. Neben Anatole Karorero hat ein Vertreter der Imbonerakure demonstrativ ein Polizeifunkgerät auf den Tisch gelegt, ein kleiner Machtbeweis. André Minani, Vize-Präsident der Imbonerakure, spricht beruhigende Worte. „Lasst uns unserer Vorbildfunktion gerecht werden und zeigen, dass friedliche Wahlen möglich sind“.

Am Ende der Radiodebatte springt André Minani auf und setzt sich neben Anatole Karorero. Mehr als zehn Minuten diskutieren sie, machen sich Notizen, tauschen Telefonnummern aus. „Na, es geht doch!“ Francine lächelt und zeigt mit dem Kopf in die  Richtung der beiden.

Claus Schrowange ist seit 2015 EIRENEFriedensfachkraft im Projekt „Medien und Frieden“ bei der EIRENE-Partnerorganisation Maison de la Presse in Burundi.

EIRENE gibt jungen Menschen Gelegenheit - ich wähle Worte von Papst Franziskus - , "Beschützer und nicht Räuber der Welt zu werden, Schönheit zu säen..., zu erkennen, dass wir zutiefst mit allen Geschöpfen verbunden sind auf dem Weg in Gottes unendliches Licht".
Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
Nachdem unsere Tochter als EIRENE-Freiwillige in Uganda war, war es wunderschön im Jahr darauf eine junge Frau aus Uganda in unsere Familie aufzunehmen. Das war sehr bereichernd für unsere Familie. Denn gegenseitiges Verständnis braucht Begegnungen!
Christiane Bals, Lehrerin
Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
Tobias Schwab, Journalist
Heute ist es umso wichtiger, dass die ökumenische Friedensorganisation EIRENE das verkörpert, wofür die Friedensgöttin EIRENE 400 vor Christus stand: für einen Frieden als Basis von Wohlstand für alle; als Grundlage einer gerechten Gesellschaft; als Gegenmodell zu einer hochmilitarisierten Welt.
Wolfgang Kessler, 20 Jahre Chefredakteur von Publik-Forum, heute freier Publizist
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