Die „andere“ Pandemie – Häusliche Gewalt in Covid-19-Zeiten

Die Psychologin Narda Huayta baut mit Hilfe von Puppen ein Vertrauensverhältnis mit Kindern während der Pandemie digital auf.

Die Corona-Pandemie traf bolivianische Familien mit voller Wucht. Lockdowns und Schulschließungen verhinderten wichtige Therapieangebote für Betroffene häuslicher Gewalt. Die EIRENE-Partnerorganisation SEPAMOS geht neue Wege im digitalen Raum.

Die Covid-19 Pandemie hat das öffentliche Leben in Bolivien über Monate unmöglich gemacht. Familien in den Großstädten El Alto oder La Paz mussten auf engstem Raum ausharren und durften nur einmal in der Woche ihr Haus verlassen. Die Wirtschaft des Landes kam fast komplett zum Stillstand, was besonders Tagelöhner_innen in existentielle Krisen stürzte.

Für Kinder und Jugendliche  bedeutete die Pandemie, dass ihre Rechte auf Bildung, körperliche und emotionale Unversehrtheit, soziale Bindung, Gesundheit und Freizeit über Monate verletzt wurden.

Erhöhtes Gewaltniveau

Bolivien ist eine erwachsenenzentrierte Gesellschaft, in der Kinder und Jugendliche kaum gehört werden. Schläge gelten als legitimes Erziehungsmittel: physischer, psychischer und emotionaler  Missbrauch in der Familie waren schon vor der Pandemie an der Tagesordnung. Die wirtschaftlichen Existenznöte, die Ausweglosigkeit eines monatelangen Lockdowns und die Hilflosigkeit vieler Familien im Umgang mit Stress und negativen Emotionen, ließ das Gewaltniveau hinter verschlossenen Türen in die Höhe schnellen. Das stark tabuisierte Thema der häuslichen Gewalt erhielt im öffentlichen Diskurs sowohl in Bolivien als auch in Europa jedoch mehr Aufmerksamkeit.

Der virtuelle Unterricht, der aufgrund von Schulschließungen angeboten wurde, war nicht nur für Lehrer_innen eine neue Herausforderung. Viele Eltern, die vorher kaum mit digitalen Medien in  Berührung kamen, fühlten sich überfordert, ihre Kinder nun in ihren schulischen Aufgaben unterstützen zu müssen – wenn sie sich die mobilen Datenpakete für den virtuellen Unterricht überhaupt  leisten konnten. Kinder und Jugendliche sind bis heute in einer unzumutbaren Situation. Viele von ihnen haben seit der politischen Krise von 2019 keine Schule mehr besucht. Diejenigen, die am virtuellen Unterricht teilnehmen können, haben wiederum Angstzustände, da sie virtuell kaum Lernfortschritte machen und gleichzeitig fehlende schulische Leistungen das Familienklima weiter vergiften. All dies zusammengenommen verwandelte Haushalte in Druckkessel, deren Mitbewohner_innen unter Dauerstress leiden.


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Das Zusammenwohnen mit den Täter_innen von häuslicher Gewalt ist ein gravierendes Problem. Viele Betroffene resignieren aufgrund ihrer ausweglosen Situation und passen sich den Umständen  an. Es ist eine Art der Normalisierung eingetreten, die der vorherrschenden Straflosigkeit bei häuslicher Gewalt weiter Boden bereitet. Auf der anderen Seite gab es jedoch auch Jugendliche, die sich über die Ausgangssperren der Pandemie freuten, wie Narda Huayta, eine Psychologin der EIRENE-Partnerorganisation SEPAMOS zu berichten weiß. Denn Täter_innen aus dem familiären Umfeld  konnten nicht wie gewohnt zu Besuch kommen. Betroffenen sind zumindest zeitweise vor sexuellen Übergriffen geschützt.

Auf die Hilfe des Gesetzes können Betroffene von sexueller Gewalt in Bolivien nicht zählen. Ein großer Teil von Übergriffen wird nicht zur Anzeige gebracht. Zum einen, um die Täter_innen zu schützen, aber auch weil man dem notorisch langsamen und korrupten Justizsystem nicht vertraut. Behörden und Ämter kamen während der wochenlangen Quarantäne vollends zum Stillstand und nur Familien mit viel Zeit, Energie und finanziellen Mitteln konnten in irgendeiner Weise eine Art von rechtlichen Schutz erwirken.

Neue Wege im digitalen Raum

Die Kinderrechtsorganisation SEPAMOS arbeitete während dieser Zeit virtuell weiter, um die therapeutischen Prozesse mit Kindern und Jugendlichen nicht zu unterbrechen. Trotz Pandemie erhielten sie emotionale Unterstützung. Für alle SEPAMOS-Psychologinnen war diese Arbeit eine neue Herausforderungen, da zum Beispiel das Vertrauensverhältnis zu den Kindern anders aufgebaut  werden muss. Zusätzlich wurde unter der Mitarbeit von mehreren Institutionen, die im therapeutischen Bereich tätig sind, ein Leitfaden zur digitalen Therapie für Kinder entwickelt. Dieser bietet nun  einen Handlungsrahmen in der Aufarbeitung traumatisierender Erfahrungen in der digitalen Therapie. Darüber hinaus bietet die virtuelle Therapie auch Chancen: „Die ländliche Bevölkerung hat de facto keinen Zugang zu Therapiemaßnahmen, da der Weg in die Stadt zu teuer und zu weit ist. Entsprechende Angebote fehlen in ihrer unmittelbaren Umgebung. Mit der virtuellen Therapie  bearbeiten wir zurzeit auch Fälle aus Caranavi. Das wäre vorher nicht möglich gewesen. Die notorisch unterbesetzte staatliche Hilfe in diesen Gebieten, kann dadurch entscheidend unterstützt werden“, sagt Christina Chirinos, ebenfalls Psychologin bei SEPAMOS.

von Grit Hädicke, EIRENE-Fachkraft bei SEPAMOS in Bolivien

Heute ist es umso wichtiger, dass die ökumenische Friedensorganisation EIRENE das verkörpert, wofür die Friedensgöttin EIRENE 400 vor Christus stand: für einen Frieden als Basis von Wohlstand für alle; als Grundlage einer gerechten Gesellschaft; als Gegenmodell zu einer hochmilitarisierten Welt.
Wolfgang Kessler, 20 Jahre Chefredakteur von Publik-Forum, heute freier Publizist
Zum EIRENE-Freiwilligendienst gehört neben der Arbeit in den Einsatzländern auch die Vor- und Nachbereitung durch die Seminare. Dort konnte ich viele tolle Menschen kennenlernen und habe neue Freundschaften geschlossen. Die Verbundenheit zu ihnen und EIRENE gibt mir noch heute Kraft und Energie.
Johanna Steinwandel, ehemalige EIRENE-Freiwillige in Nordirland
Hace 12 años que conozco a EIRENE y mi experiencia ha sido muy linda ya que me ha permitido trabajar no solo en la formalidad de una financiera extranjera en nuestra temática de violencia sexual infanto adolescentes, si no conocer a las personas maravillosas. ¡¡¡ MUCHAS GRACIAS EIRENE!!!!
Rosario Mamani Espinal, Koordinatorin bei SEPAMOS in Bolivien
Aux durs moments de la crise au Burundi, EIRENE est apparu comme un ami au chevet de la Maison de la Presse pour inspirer les médias vers un dynamisme plus sensible aux conflits. Notre partenariat avec EIRENE est bien réussi. Quelques fruits sont déjà murs.
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Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
Tobias Schwab, Journalist
Nachdem unsere Tochter als EIRENE-Freiwillige in Uganda war, war es wunderschön im Jahr darauf eine junge Frau aus Uganda in unsere Familie aufzunehmen. Das war sehr bereichernd für unsere Familie. Denn gegenseitiges Verständnis braucht Begegnungen!
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