Du kannst es mir nicht verdenken, quer zu denken

Die Tugend des Querdenkens wird seit letztem Sommer durch die sogenannte „Querdenker“-Bewegung in Misskredit gebracht. In ihr vermischt sich die Kritik an staatlichen Infektionsschutzmaßnahmen mit Leugnung der Corona-Pandemie und Verschwörungstheorien. Dagegen ist Querdenken eigentlich ein höchst kreativer und konstruktiver Akt. „Warum ist der Kopf rund?“ lautet eine bekannte Scherzfrage. „Damit die Gedanken ihre Richtung ändern können.“

Ohne dieses Quer- oder Andersherumdenken, ohne alternative und innovative Gedanken, ohne Widerstand gäbe es weder EIRENE noch viele andere positive gesellschaftliche Entwicklungen. EIRENE hat im Jahr 2020 direkt über 16 Tausend Menschen mit Friedensarbeit erreicht. Indirekt sind es sogar über 155 Tausend Menschen. Zu-sammengerechnet baut EIRENE jährlich eine Großstadt des Friedens. Eine ermutigende Vorstellung. Doch wie schafft das EIRENE? Natürlich über hingebungsvolle Mitarbeit vieler Menschen, durch treue Spender_innen und durch jahrelange Lobbyarbeit für Frieden. Doch damit ist die Frage nicht ganz beantwortet, denn wo kommt sie her, die Friedensarbeit, die Gewaltfreiheit, der Friedensdienst? Was ist der Nucleus unseres Schaffens?

Bei der Beantwortung dieser Frage lohnt es sich, einen Blick zurück zu werfen. Gegründet wurde EIRENE im Jahr 1957 in einer Zeit, als der Kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und dem Westen begann. Einer Zeit, in der Vergewaltigung in der Ehe noch straflos, die Prügelstrafe in der Schule noch legitim und eine ökologische angehauchte Friedensbewegung noch in weiter Ferne war. Wie kamen die EIRENE-Gründungsmütter und -väter darauf einen internationalen, gewaltfreien und christlichen Friedensdienst zu gründen? Sie schöpften ihre Motivation aus der christlichen Tradition der Gewaltfreiheit. Gleichzeitig waren sie gesellschaftliche Querdenker_innen. Sie stellten sich mit Überzeugung der Sicherheitslogik, der Idee, dass Frieden nur über Sicherheit und im Ernstfall Gewalt, zu erreichen ist, entgegen. Kein leichter Stand in einer Gesellschaft, die jüngst einen Krieg erlebt hatte. Der Gründung der Bundeswehr 1955 und der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1956 wollten die internationalen Gründer_innen einen aktiven Friedensdienst entgegensetzen, „einen Dienst der Versöhnung zwischen den Völkern“. Als die ersten EIRENE-Freiwilligen 1957 nach Marokko aufbrachen, um dort in einem Lager algerischen Geflüchteten zu helfen, dann war das in den Augen ihrer Zeitgenössen_innen bestenfalls ein Akt des Querdenkens, für die meisten waren sie wohl schlichtweg Spinner.

Querdenken, kritisch sein, die vorherrschende Meinung zu hinterfragen, all das trägt seit Jahrzehnten positiv zur Friedensarbeit bei. Es hat geholfen, die öffentliche Meinung in Deutschland zu wandeln. Ein Großteil der Bevölkerung favorisiert heute zivile Mittel der Konfliktbearbeitung klar gegenüber militärischen. Weit über die Friedensarbeit hinaus bereitet Querdenken den Humus für positive gesellschaftliche Entwicklungen: der Atomausstieg, das Recht auf Gewaltfreie Erziehung und eine fortschreitende Debatte über Umweltschutz gedeihen auf ihm.

Corona als Stresstest

Mit der Corona-Pandemie ist ein unglaublicher Druck auf das soziale Gefüge im März 2020 nach Deutschland gekommen. Rasend schnell wurden weitreichende und schmerzvolle Einschränkungen beschlossen. Der Kampf gegen das Virus ist eine Herausforderung, die es in der jüngeren Geschichte so noch nicht gegeben hat. In dieser Gemengelage zeigt sich die Schattenseite des Querdenkens. Wenn es sich durch emotionale Aufladung in ein Querstellen wandelt, wenn Ohnmachtsgefühle und Angst so groß werden, dass seine konstruktive Ausrichtung verloren geht und es in die Leugnung der Realität driftet. Ein ungutes Gefühl machte sich bei vielen Menschen breit, als bei den Großdemonstrationen der „Querdenker“-Bewegung im Sommer 2020 in Berlin auch Pace-Fahnen zusehen waren. In Nachbarschaft zu Reichsflaggen und als Teil einer Demonstration, die von gewaltbereiten Hooligans und rechtsextremen Gruppierungen getragen wurde.

Querdenken ohne Fixstern

Heute erleben wir, was passiert, wenn das zentrale Element von positiven Querdenken verloren geht: Die Anerkennung des Problems. Denn das Querdenken, das auch die Energie freisetzte EIRENE zu gründen, hat immer zentrale Probleme anerkannt: Krieg, Gewalt, Umweltzerstörung. Seine Kraft kam daraus, neue Lösungen und neue Wege aufzuzeigen, mit Problemen umzugehen, ohne diese zu relativieren oder sogar zu leugnen. Ein kritischer Blick auf die Infektionsschutzmaßnahmen und den globalen Umgang mit der Pandemie ist heute wichtig. Zu groß die Gefahr, dass in einer solchen Ausnahmesituation die globalen Strukturen von Ungleichheit und Unterdrückung noch mehr Fahrt aufnehmen. Konstruktives Querdenken ist jetzt gefragt, damit die Verschärfung der globalen Ungerechtigkeit im Kampf gegen die Pandemie nicht zum Kollateralschaden erklärt wird.

von Stefan André Schneider

Heute ist es umso wichtiger, dass die ökumenische Friedensorganisation EIRENE das verkörpert, wofür die Friedensgöttin EIRENE 400 vor Christus stand: für einen Frieden als Basis von Wohlstand für alle; als Grundlage einer gerechten Gesellschaft; als Gegenmodell zu einer hochmilitarisierten Welt.
Wolfgang Kessler, 20 Jahre Chefredakteur von Publik-Forum, heute freier Publizist
EIRENE gibt jungen Menschen Gelegenheit - ich wähle Worte von Papst Franziskus - , "Beschützer und nicht Räuber der Welt zu werden, Schönheit zu säen..., zu erkennen, dass wir zutiefst mit allen Geschöpfen verbunden sind auf dem Weg in Gottes unendliches Licht".
Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
Tobias Schwab, Journalist
Nachdem unsere Tochter als EIRENE-Freiwillige in Uganda war, war es wunderschön im Jahr darauf eine junge Frau aus Uganda in unsere Familie aufzunehmen. Das war sehr bereichernd für unsere Familie. Denn gegenseitiges Verständnis braucht Begegnungen!
Christiane Bals, Lehrerin
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