Es lebe die Interkulturalität!

Belinda Eiterer und Marta Pello waren die erste und die zweite Fachkraft bei SEPAMOS in El Alto in Bolivien.

BOLIVIEN: 10 Jahre Zusammenarbeit mit EIRENE-Fachkräften

Im Jahr 2008 hatten wir, SEPAMOS, das Glück über die Förderung unseres neuen Projekts zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in die EIRENE-Familie aufgenommen zu werden. Die Thematik war damals recht neu für  SEPAMOS und der Ansatz war einzigartig in El Alto und auch ganz Bolivien.

Erfolgreiche Strategien gegen sexualisierte Gewalt an Kindern

Durch die Erfahrungen, die SEPAMOS seit diesen Anfängen vor über zehn Jahren sammeln konnte, sind wir heute soweit, dass wir einen integralen Ansatz verfolgen: Aktivitäten und Übungen mit Kindern und Jugendlichen die dadurch Strategien zum Selbstschutz lernen, Weiterbildung für Eltern, Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Rolle als wesentliche Schutzbeauftragte; des Weiteren Therapie und rechtlich-soziale Begleitung von Kindern und Jugendlichen, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind, und deren Familien. Darüber hinaus arbeiten wir mit staatlichen Institutionen wie Polizei, Justiz und Parlament zusammen: einerseits um die rechtliche Verfolgung der Fälle von sexualisierter Gewalt zu verbessern, andererseits damit Gesetze verabschiedet werden, die die Kinderrechte stärken. Dies ist wichtig, um die betroffenen Kinder und Jugendliche nicht erneut zu Opfern zu machen und sexualisierte Gewalt langfristig zu verringern.


Kinder stärken in El Alto - Ihre Spende hilft sexualisierte Gewalt an Kindern zu verhindern.


Der Kampf gegen Patriarchat und Chauvinismus

Eine Vielzahl von Herausforderungen erschwerte zu Beginn unseres Projektes unsere Arbeit. Denn wir begannen in einem Umfeld, das von patriarchalen und chauvinistischen Strukturen geprägt war. Gewalt wurde bagatellisiert und sexualisierte Gewalt häufig als naturgegeben angesehen. Dass zur Unterstützung von EIRENE auch die Vermittlung und Finanzierung einer internationalen Fachkraft dazu gehört, war für uns eine große Chance. Dadurch konnten wir jemanden hinzuziehen, die oder der uns mit einem externen Blick unterstützt, um diesen Herausforderungen zu begegnen.

Gutes Personal ist schwer zu finden

Wir wollten gerne eine Fachkraft mit psychotherapeutischer Erfahrung, die uns dabei unterstützen würde diesen Aspekt unserer Arbeit qualitativ zu verbessern. Zu jener Zeit gab es in Bolivien nur sehr wenig professionelles psychologisches Personal.  EIRENE fand jedoch niemanden mit genau diesem Profil. Belinda, unsere erste Fachkraft, brachte interessante Kompetenzen mit. Sie hatte unter anderem mehrere Jahre Berufserfahrung in der Jugendsozialarbeit und während ihres Studiums schon Bolivien recht gut kennengelernt. Auf den ersten Blick, erschien uns ihr Profil dennoch nicht so passend, da wir unseren Bedarf eindeutig im psychotherapeutischen Bereich sahen.

Mit Belinda begann das Zeitalter der Interkulturalität

Deshalb besuchte sie vor ihrer Ausreise im Rahmen ihrer von EIRENE organisierten Vorbereitung verschiedene Institutionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die sich schon seit Jahrzehnten mit der Prävention von sexualisierter Gewalt  beschäftigten. Neben ihren anderen Kompetenzen brachte sie auch die dort gesammelten Erfahrungen und bewährten Verfahren während ihrer Dienstzeit bei uns ein. Dies hat ohne Frage unser Projekt nach vorne gebracht. Mit Belinda begann bei SEPAMOS das „Zeitalter der Interkulturalität“, welches davon geprägt ist, dass sich internationale Fachkräfte in das Team integrieren und für mehrere Jahre am Alltagsgeschäft des Projektes teilnehmen. Dies war eine neue Erfahrung, sowohl für das Team, als auch für die Fachkräfte. Es war anfangs für alle Beteiligten und beide Seiten eine große Herausforderung. Denn es ging darum völlig neue Denkweisen, Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu verstehen!

Belinda kam als überzeugte Vegetarierin...

Zu Beginn war das Team eher abwartend, sicherlich auch aus Angst vor Unterschieden und vor dem Unbekannten. Und dann kam Belinda mit einem für unseren Kontext kühnen Auftreten, das sie durch ihren Haarschnitt und ihren Kleidungsstil verkörperte. Darüber hinaus war sie eine überzeugte Vegetarierin, was keiner wirklich verstand, da die Menschen in El Alto leidenschaftliche Fleischesser_innen sind. Wenn sie vegetarisches Essen bestellte, bekam sie in der Regel Reis mit Ei oder Käse. Dadurch war sie gezwungen sich anzupassen: nach ungefähr anderthalb Jahren begann sie Fleisch zu essen. Nach einer Weile änderten sich sogar ihr Kleidungsstil und ihre Frisur.

Neue Präventions- und Therapiestrategien

Als sie uns drei Jahre später verließ, waren wir froh, dass wir auch für die nächste Phase unseres Projektes wieder eine Fachkraft mit einem Blick von außen beantragen konnten. Gemeinsam mit EIRENE haben wir wieder ein Stellenprofil erstellt. Wir waren mit unserer Arbeit inzwischen weit vorangekommen. Nun war eine Hauptherausforderung, wie wir die Wirkung unserer Arbeit besser beobachten könnten und auf Basis unserer Lernerfahrungen unsere Ansätze in der Prävention sexualisierter Gewalt weiter verbessern könnten. Unsere zweite Fachkraft, Marta, lebte bereits mehrere Jahre in Bolivien. Unsere Kultur und lokalen Gepflogenheiten waren daher schon ein Teil von ihr geworden. Während ihrer Dienstzeit machten wir große Fortschritte im Bereich der Erfassung unserer Aktivitäten und verbesserten die Qualität der Aus- und Weiterbildungskomponenten im Projekt. Darüber hinaus entwickelten wir in dieser Zeit neue Präventions- und Therapiestrategien für Opfer und ihre Familien.

Marta kam nicht als überzeugte Vegetarierin...

Zu Beginn ihrer Zeit aß Marta noch Fleisch, doch über die Monate entwickelte sie sich zu einer überzeugten Vegetarierin. Da das Team jedoch schon Erfahrung damit hatte, kam es zu keinen größeren Reibungspunkten deswegen.

Wir verbreiteten das integrale Präventionsmodell zu sexualisierter Gewalt

Mit zunehmender Erfahrung waren wir nun soweit, dass wir unser integrales Präventionsmodell zu sexualisierter Gewalt auch an andere Organisationen und Institutionen im staatlichen und zivilgesellschaftlichen Bereich vermitteln wollten. Wir hatten ausreichend erprobtes Material und Methoden. In der folgenden, dritten Projektphase wünschten wir uns deshalb eine Fachkraft, die uns bei der systematischen Aufbereitung des Materials für Dritte unterstützen könnte. Das Stellenprofil erstellten wir wieder  gemeinsam mit EIRENE.

Karens externer Blick war ausschlaggebend

Karen kam im August 2015 in Bolivien an. Sie war sehr gut organisiert und strukturiert. Bei uns war sie oft mit flexiblen und sich verändernden Strukturen konfrontiert. Gemeinsam schafften wir es sehr schnell, diese Gegensätze produktiv zu nutzen. So war Karen maßgeblich an der Erstellung und Überarbeitung der Methoden unseres Ansatzes für seine gute Vermittlung an öffentliche und private Akteure beteiligt. Ihre externe Sichtweise war ausschlaggebend, um gemeinsam neue Ideen im Bereich Lernmethoden und -techniken zu entwickeln.

Karen kam als nicht überzeugte Vegetariern...

Am Anfang hat Karen alle unsere nationalen Gerichte probiert. Später hat sie sich dann doch wieder entschieden zu ihrem alten Essensstil, sich vegetarisch zu ernähren, zurückzukehren.

Per Video live im Auswahlprozess dabei

Seit Januar haben wir nun bereits unsere vierte Fachkraft: Grit. Auch mit ihr werden wir sicherlich neue und bereichernde Erfahrungen sammeln! An ihrem Auswahlprozess haben wir intensiver teilgenommen als bei ihren Vorgängerinnen. Wir haben nicht nur die Unterlagen der Bewerber_innen erhalten, sondern waren diesmal live per Videoschaltung bei den Auswahlgesprächen dabei. Diese positive Entwicklung ist Teil eines rassismuskritischen Veränderungsprozesses bei EIRENE. Wir begrüßen das und  wollen uns zusammen mit EIRENE immer tiefer in diesem Prozess engagieren. Wir finden, dass unsere Kooperation mit EIRENE über die Jahre hinweg immer enger und gleichberechtigter geworden ist. Das freut uns sehr!

Jaquelin Butron ist Soziologin und Expertin im Bereich Kinder- und Jugendrechte. Ihr Schwerpunkt ist der Schutz und die Wiederherstellung von verletzten Rechten von Mädchen und Jungen. Sie war in der Menschenrechtsbeobachtung und in der Wahrung von Menschenrechten in Deutschland, Ecuador und Bolivien tätig. Sie ist Mitbegründerin und Direktorin der Nichtregierungsorganisation SEPAMOS in La Paz, Bolivien.

Friedensbrief-Newsletter

Melden Sie sich jetzt für den EIRENE Friedensbrief an und Sie erhalten 4 Mal im Jahr spannende Einblicke in unsere Friedensarbeit

Zur Newsletter-Anmeldung