Fairer Handel als Beitrag zum Frieden

Cristian Guzmán Merlos von der Frauenrechtsorganisation FEM aus Nicaragua arbeitet im Rahmen ihres internationalen Freiwilligendienstes im Weltladen Marburg zusammen mit Lydia Koblofsky, Fachpromotorin für "Globales Lernen und Nachhaltigkeit“ der Initiative Solidarische Welt e.V.

Die Wege von Cristian und Lydia kreuzten sich im Weltladen Marburg, wo Cristian seit Mai 2017 einen Freiwilligendienst absolviert. Sie ist seit vielen Jahren Teil der Landfrauenbewegung, die in der Fundación entre mujeres (FEM) und der Frauenkooperative Las Diosas organisiert ist. Lydia arbeitet im Weltladen Marburg als Fachpromotorin für Globales Lernen. Im gemeinsamen Artikel sprechen sie darüber, welchen Beitrag der Faire Handel für eine Veränderung der Verhältnisse im Süden und im Norden leisten kann: Welche Erfahrungen hat die Frauenrechtsorganisation FEM mit dem Fairen Handel gemacht? Welche Auswirkungen hat die Veränderung ökonomischer Verhältnisse auf Geschlechtergerechtigkeit und Frieden? Wie kann gelebte Partnerschaft im Fairen Handel gestaltet werden, so dass sie zur Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse beiträgt?

Der Verkauf fair gehandelter Produkte steigt in Deutschland weiter an. Im Jahr 2016 kletterte der Umsatz auf 1,3 Milliarden Euro (Endverbraucherpreise), das sind 14 Prozent mehr im Vergleich zum Vorjahr. Kaffee hält weiterhin die Spitzenposition im Produktsortiment – dennoch sind nur vier von 100 Tassen Kaffee fair gehandelt, so das Forum Fairer Handel. Trotz des geringen Anteils am Gesamthandelsvolumen hat sich der Faire Handel in einer recht stabilen Marktnische eingerichtet.

In der Bewegung, die hinter dem Fairen Handel steht, wird dessen Aufgabe oder Ziel jedoch sehr unterschiedlich bewertet. Geht es darum, die Nische auszubauen und die Umsatzmenge fair gehandelter Produkte zu erhöhen – auch wenn hierfür Bündnisse mit dem konventionellen Handel wie zum Beispiel Lidl oder Starbucks eingegangen werden? Oder geht es darum, in der Nische alternative Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zu erproben, aus denen heraus Kritik formuliert und Widerstand gegen das kapitalistische System geleistet wird?

Wir formulieren aus unseren Perspektiven drei Thesen zu unserem Verständnis des Fairen Handels.

1) Stachel im Fleisch: Der Faire Handel ist für uns eine politische Bewegung, die Kritik am vorherrschenden Wirtschafts- und Handelssystem übt beziehungsweise üben sollte. Statt sich in der Nische einzurichten oder Kompromisse einzugehen, gilt es weiterhin der „Stachel im Fleisch“ des konventionellen Handels zu bleiben und politische Forderungen zu stellen.

2) Ganzheitliche Vision: Aus unserer Perspektive sollte es auch im Fairen Handel nicht nur um Absatzsteigerung „um jeden Preis“ gehen, sondern um eine ganzheitliche Veränderung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse im Globalen Süden und Globalen Norden. Hier geht es
beispielsweise auch um Wachstums- und Konsumkritik, mit der sich bestimmte Produktsegmente des Fairen Handels kritisch prüfen lassen sollten.

3) Gelebte Partnerschaft: Die partnerschaftliche Gestaltung der Beziehungen zwischen Süd und Nord im Handel, aber auch im Wissens- und Erfahrungsaustausch halten wir für eine wichtige Grundlage gesellschaftlicher Veränderung. Hier sollte nicht nur die Beziehung Produzent_innen – Konsument_innen gepflegt werden, sondern auch die Beziehung zwischen politischen Akteur_innen. Fragen der Machtstrukturen und postkolonialen Verhältnisse sollten auch innerhalb der Fairhandels-Partnerschaften reflektiert werden.

Besonders die Thesen ganzheitliche Vision und gelebte Partnerschaft möchten wir mit unseren Erfahrungen aus ganz unterschiedlichen Kontexten illustrieren: der Frauenrechtsarbeit in einer nicaraguanischen Landfrauenbewegung, der Bildungsarbeit im Weltladen Marburg und dem Süd-Nord Freiwilligendienst von EIRENE.

Lydia: Der Faire Handel ist für die FEM, eine Bewegung der Landfrauen im Norden Nicaraguas, die sich vor allem für die Verwirklichung von Frauenrechten einsetzen, ein wichtiges Mittel, um für eine geschlechtergerechte und solidarische Gesellschaft zu kämpfen, verstehe ich das richtig?

Cristian: „Ja, aber er ist nur ein Teil unseres Ansatzes. Die Gesamtstrategie der FEM als Frauenbewegung besteht aus mehreren Strängen: Bildungs- und Bewusstseinsarbeit, Stärkung der ökonomischen Position der Frauen und Organisationsentwicklung. Die Stränge verschränken sich ineinander und funktionieren nur als engverwobenes Netz. Im Bereich der Bewusstseinsarbeit geht es um Bildung und Gesundheit, zum Beispiel um sexuelle und reproduktive Rechte, um Menschenrechtsbildung und -verteidigung und Gewaltprävention. Viele Frauen haben durch die ganzheitliche Strategie der FEM Zugang zu Land bekommen, auf dem sie Gemüse anbauen oder über Fortbildungsprogramme Saatgut herstellen. Die Produktion von Honig und Kaffee, die für den Bio- und den Fairhandelssektor zertifiziert sind, ist ein weiterer Baustein im ökonomischen Arbeitsbereich der FEM. Für die Vermarktung haben sich die Frauen in Kooperativen zusammengeschlossen, um den Kaffee in größeren Mengen in die USA exportieren zu können. Dadurch erzielen sie einen garantierten Mindestpreis, der über dem Weltmarktniveau liegt. Die sozialen Auswirkungen der wirtschaftlichen Unabhängigkeit sind enorm: viele Frauen können sich durch die Kaffeeproduktion die medizinische Versorgung oder universitäre Bildung ihrer Kinder leisten oder selbstständig die Infrastruktur, wie zum Beispiel Straßen zu den Kaffeefeldern, verbessern. Das trägt auch dazu bei, dass Frauen unabhängig werden und sich von gewalttätigen Männern trennen können. Die Gründung von Kooperativen dient wiederum der Organisationsentwicklung, denn so stärken sich die Frauen auch gegenseitig im Kampf gegen das machistische und patriarchale System, mit dem wir als Frauen jeden Tag konfrontiert werden. In der Gesamtstrategie der FEM stehen alle Bereiche in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis: der Zugang zu ökonomischen Ressourcen, Kenntnis über die eigenen Rechte und die Arbeit im Kollektiv.“

Lydia: Wie trägt der Faire Handel dazu bei, die Verhältnisse zwischen Süd und Nord sowie auf lokaler und regionaler Ebene zu verändern?

Cristian: „Der Faire Handel ist für die organisierten Frauen in der FEM eine Brücke in den Weltmarkt. Mit dem Verkauf des Kaffees über den Fairen Handel geht eine solidarische globale Partnerschaft einher, in der ökonomische Gerechtigkeit und gleichberechtigter Austausch
einen zentralen Stellenwert einnehmen. Die Nische des Fairen Handels erlaubt es den Frauen, ihren Kaffee auf dem internationalen (vor allem US-amerikanischen) Markt zu verkaufen und ihren ganzheitlichen Ansatz in der Frauenbewegung bekannter zu machen. So können sie ihre Erfahrungen in der ökonomischen und ideologischen Empowermentarbeit an den sogenannten Globalen Norden weitergeben, zum Beispiel an Universitäten, Cafés oder Röstereien in den USA. Bei Projektbesuchen US-amerikanischer Studierender oder Interessierter, die jedes Jahr stattfinden, stellen die Frauen die Kaffeeproduktion und ihre Frauenrechtsarbeit vor. Aber auch auf lokaler und nationaler Ebene findet viel Austausch statt. Eine Gruppe junger Frauen in der FEM, die Expertinnen in ökologischer Landwirtschaft sind, bilden sich beispielsweise über die lateinamerikanische Koordinationsstelle für den Fairen Handel (CLAC) weiter und tauschen sich mit anderen Produzent_innen über ihre Arbeitserfahrungen in der Kaffeeproduktion aus.“

Lydia: Wir haben anfangs gesagt, dass für uns die partnerschaftliche Gestaltung der Austauschbeziehungen im Fairen Handel wichtig ist und es nicht nur um die Beziehung zwischen Produzent_innen und Konsument_innen gehen sollte. Wie siehst du das vor dem Hintergrund deiner Erfahrungen in der FEM und als Freiwillige im Weltladen Marburg?

Cristian: „Gerechtigkeit ist ein Kernanliegen des Fairen Handels: Gerechtigkeit schaffen in einem ungerechten und unsolidarischen Welthandelssystem, das noch immer von kolonialen Machtverhältnissen geprägt ist. Über den Fairen Handel kommt es jedoch nicht nur zum Austausch von Waren und Dienstleistungen, sondern auch zu partnerschaftlichen Beziehungen, Fachaustausch und Entwicklung gemeinsamer Strategien. So konnten die Frauen der FEM ihr Fachwissen, ihre Erfahrungswerte und ihre politischen Überzeugungen an den Globalen Norden weitergeben. Über den internationalen Friedensdienst in Deutschland von EIRENE, an dem ich selbst teilnehme, können junge Menschen aus sozialen Organisationen in Nicaragua, Bosnien, Uganda und Bolivien ein freiwilliges Jahr in Deutschland absolvieren. Auch das hat mit globaler Gerechtigkeit zu tun, denn über viele Jahre kamen junge Freiwillige aus dem Globalen Norden nach Nicaragua – das war eine Einbahnstraße. Nun sind wir schon in der dritten Generation an Freiwilligen, die nach Deutschland kommen. Das ist schon ein Fortschritt. Aber es ist noch ein weiter Weg zu gehen: Viele der weiblichen Freiwilligen arbeiten in Deutschland in Kindergärten oder Altenheimen. Das sind Arbeiten, die in Nicaragua und Deutschland vor allem von Frauen verrichtet werden. Diese Arbeitsbereiche sind wichtig und wertvoll, doch die Gesellschaft misst ihnen nicht den angemessenen Wert zu. Der Freiwilligendienst bietet die Chance, diese geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bewusst aufzubrechen und Sorge- und Pflegearbeit anders zu verteilen. Was wäre, wenn die jungen Frauen in ihrem Freiwilligendienst Arbeitsbereiche kennenlernen könnten, die bisher immer »Männerdomäne« waren?“

Lydia: Ich finde das spannend, wie du mit deinem Wissen und deinen Erfahrungen aus der Frauenrechtsarbeit den Süd-Nord-Austausch analysierst. Siehst du Möglichkeiten, durch das Freiwilligenprogramm auch das Thema Geschlechtergerechtigkeit in Nicaragua und in Deutschland voranzubringen?

Cristian: „Ja, ich verstehe das als gemeinsamen Lernprozess für alle Beteiligten. In meinem Freiwilligendienst in Marburg war ich anfangs halbtags im Kindergarten und halbtags im Weltladen tätig. Aber eigentlich ging es mir ja darum, die politische Arbeit des Weltladens kennenzulernen und meine feministischen Ansätze hier einzubringen. Ich setze mich dafür ein, dass Frauen auch außerhalb des Pflege- und Sorgebereichs aktiv werden und lande selbst in der Kitaküche! Nach einem persönlichen Reflexionsprozess und Gesprächen mit den beteiligten Trägern kam ich zu dem Schluss, dass ich mich ganz auf den Bildungsbereich des Weltladens konzentrieren möchte. Hier kann ich meine Erfahrung in der Frauenrechtsbewegung und im Fairen Handel an Schulen und anderen Einrichtungen weitergeben. Ich beteilige mich an den verschiedenen Debatten und Diskussionsforen und erarbeite gerade ein Bildungsprojekt zu Feminismus und Frauenrechten. Durch meinen Freiwilligendienst gebe ich Einblicke in unseren Kampf als Landfrauenbewegung für eine antikapitalistische Gesellschaft, in der das Leben als höchstes Gut geschätzt wird. Ich denke, dass bei den Menschen durch meine Vorträge und Workshops etwas »hängen bleibt« von unserem Kampf für eine nachhaltige Landwirtschaft, eine Gesellschaft ohne Gewalt und Diskriminierung! Unsere Vision ist eine feministische Ökonomie, mit alternativen Produktionsbedingungen und Handelsstrukturen. All das gehört für mich zu einer friedlichen Gesellschaft, denn die Waffen, gegen die wir in Nicaragua kämpfen, zeigen sich in ganz unterschiedlicher Form: im System der Frauenmorde, im Raubbau an der Natur durch multinationale Konzerne, in der Landnahme und Vertreibung der lokalen Bevölkerung, in der gesellschaftlichen Dominanz der Konsumhaltung.

In meinem Freiwilligendienst möchte ich auf diese Prozesse hinweisen und Bildungsarbeit machen, die von unseren Konzepten, unseren Erfahrungen, unserem Widerstand getragen wird. Für eine Gesellschaft, die nicht mehr die Ökonomie, sondern den Menschen und das Leben in den Mittelpunkt stellt, brauchen wir sensibilisierte Menschen, jeden Tag. Der Weg zum ganzheitlichen Frieden in unseren Gesellschaften ist lang, aber viele scheinbar kleine Veränderungen können große Wirkung entfalten.“

Die Autorinnen: Cristian Guzmán Merlos aus Nicragua ist seit Mai Freiwillige im Weltladen in Marburg und arbeitet dort hauptsächlich im Bildungsbereich. Lydia Koblofsky ist Fachpromotorin für „Globales Lernen und Nachhaltigkeit“ bei der Initiative Solidarische Welt e.V. Marburger Weltladen.

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