„Ich kann mir gut vorstellen, nochmal Freiwilliger zu sein“

25 Jahre nach Beendigung seines Freiwilligendienstes traf Georg Bussek (zweiter von links) seine ehemaligen Kolleg_innen Carla Dawson, Ed Fallon, Kay Meyer (von links nach rechts) wieder.

Georg Bussek war von 1989 bis 1991 EIRENE-Freiwilliger in den USA. Jetzt lebt er in Köln und produziert Kinder- und Jugendserien. Fast 30 Jahren nach seinem Freiwilligendienst wollten wir wissen, wie er jetzt auf seinen Freiwilligendienst zurückschaut. Die Fragen stellten Thorsten Klein und Jenny Richter.

Was war damals deine Motivation einen Freiwilligendienst mit EIRENE zu machen?

Zu EIRENE kam ich durch einen Freund aus meinem Heimatdorf. Wir waren damals zusammen in einem Afrika-Chor und haben in einer christlichen Band zusammen Musik gemacht. Der hatte von EIRENE gehört und sich dort beworben. Wir hatten darüber geredet und ich dachte, dass sich das eigentlich ganz gut anhört. Das war mein Weg zu EIRENE.

Wo war deine Einsatzstelle und was hast du dort gemacht?

Ich war, wie alle anderen die von EIRENE in die USA geschickt wurden, beim Brethren Volunteer Service (BVS). Dort macht man in der Nähe von Chicago noch einmal eine Art Ausreisekurs. Man bekommt einen Katalog mit Projekten und in kurzer Zeit muss man sich entscheiden. Ich wollte nach Los Angeles, da ein Freund aus der Schule dorthin gezogen war und das Projekt hörte sich auch spannend an. Dort arbeitete ich mit Jugendlichen, die statt ins Jugendgefängnis zu kommen in eine private Einrichtung gebracht wurden. Allerdings habe ich mich da überhaupt nicht wohlgefühlt. Ich stellte schnell fest, dass mir das Projekt zu religiös war. Außerdem merkte ich, dass ich das Projekt weder inhaltlich noch mit meinen Kräften unterstützen kann. Die Jugendlichen wurden eher mittelalterlich behandelt. Da wurden Jugendliche, die aufgrund von Armut ein Fahrrad geklaut hatten zusammen mit Menschen die ein Mädchen vergewaltigt hatten, in eine Einrichtung gesteckt. So wurden oft aus „harmlosen“ Jugendlichen wirkliche Straftäter. Ich habe mich mit EIRENE in Verbindung gesetzt und mir ein Projekt in der Stadt Des Moines in Iowa ausgesucht. Dort habe ich gelernt, dass es wirklich nicht wichtig ist, wo man ist, sondern mit wem. Das war als junger Mensch eine sehr wichtige und nachhaltige Erfahrung. Ich habe unfassbar liebe und hilfsbereite Menschen kennengelernt und wurde sofort freundlich aufgenommen. Es war überhaupt kein Problem, dass ich die Sprache noch nicht perfekt beherrschte. Alle waren sehr geduldig und haben mir bei Problemen immer geholfen. Meine Stelle war zweigeteilt. Einerseits habe ich in einem Obdachlosenheim in der Suppenküche mitgeholfen und dort gewohnt. Andererseits habe ich Jugendarbeit für die Organisation „Campaign for Nuclear Disarmament“ (Kampagne für nukleare Abrüstung) gemacht.

Zwischen 1989 und 1991 hat sich in Deutschland viel verändert. Wie hast du die Zeit der Wende und der Wiedervereinigung in Deutschland während deines Freiwilligendienstes erlebt?

Ich kann mich genau an den Tag erinnern, als eine Mitarbeiterin aus dem Projekt „Campaign for Nuclear Disarmament“ zu mir kam und mir gratulierte. Ich gebe zu, dass ich in dem Alter noch sehr unwissend war, was all diese politischen Umwälzungen in Deutschland betraf. Das hat auch damit zu tun, dass meine Familie überhaupt keinen Bezug zu Ostdeutschland hatte. Als die Nachricht vom Mauerfall in Amerika ankam waren alle ganz aufgeregt. Ich hatte nie damit gerechnet, dass die Mauer fallen würde. Sogar im Supermarkt in Des Moines wurden kleine Stücke der Berliner Mauer verkauft. Ich bin dann tatsächlich während meiner Zeit im Freiwilligendienst nach Deutschland gereist. Der Mauerfall war ein wichtiges geschichtliches Ereignis und ich war ganz weit weg von alldem. Als ich in Deutschland war, bin ich nach Berlin gereist und konnte sehen, wie die Mauer abgetragen wurde. Das war sehr aufregend.

Inwieweit hat der Freiwilligendienst dein späteres berufliches Leben beeinflusst?

Der Freiwilligendienst besteht nicht nur aus dem, was man während der Arbeit tut, sondern auch aus dem was sich nebenher ergibt. Ich hatte zum Beispiel die Chance, bei meinem Aufenthalt in Iowa eine Rolle in einem Musical zu bekommen. Ab da stellte ich mir die Frage, ob ich später etwas mit Schauspiel oder Gesang machen möchte. Dafür interessierte ich mich fortan sehr. Durch den Leiter des Projekts „Campaign for Nuclear Disarmament“ Ed Fallon habe ich außerdem vieles aus dem Bereich der Öffentlichkeitsarbeit gelernt. Er hat mich in die Welt der Medien eingeführt, indem er mich zu Talkshows mitgenommen und mich Journalisten vorgestellt hat. Generell hatte ich mich schon immer für den Journalismus interessiert. Nun lernte ich alles professioneller. Vor allem das positive Gefühl, etwas erreichen zu können, war für mich als neunzehnjähriger ein sehr schönes und erhebendes Gefühl. Das hat mich in den Jahren nach meinem Freiwilligendienst immer wieder bestärkt, an Sachen mit Mut ranzugehen.

Was hast du aus deiner Zeit als EIRENE-Freiwilliger mitgenommen?

Ich habe gelernt, mir selbst mehr zuzutrauen. Das lag unter anderem daran, dass mir plötzlich viel mehr zugemutet wurde. Meiner Meinung nach ist das grundsätzlich die positive Kraft des Freiwilligendienstes. Junge Menschen bekommen Verantwortung übertragen. Dabei ist es egal, ob man in einem Altersheim in Deutschland arbeitet oder in einem Obdachlosenheim in den USA. Außerdem lernt man seine Grenzen kennen. Ich werde nie vergessen, wie ich das erste Mal in der Suppenküche kochen sollte. Dass es keine gute Idee war, mit einer Pfanne 40 Menschen mit Pfannkuchen zu versorgen, merkte ich erst später. Aus solchen Fehlern lernt man. Dafür müssen die Atmosphäre und die Umgebung stimmen. Im Gegensatz zu meinem ersten Projekt wurde ich in Iowa freundlich auf die Fehler aufmerksam gemacht und man hat
mit mir gemeinsam daran gearbeitet. Es war immer jemand da, der nach mir geschaut hat.

Hattest du später noch Kontakt zu deiner Einsatzstelle oder zu Menschen, die du dort kennengelernt hast?

Ich bin tatsächlich erst vor einem Jahr wieder dort gewesen. Wir haben mit meiner Produktionsfirma eine Serie in den USA gedreht, bei der wir einmal quer durchs Land gereist sind. Es war natürlich kein Zufall, dass mich der Weg nach Iowa geführt hat. Ich spürte sofort wieder, dass Iowa ein Ort voller netter Menschen ist. Ich war in dem Schauspielhaus, in dem ich damals gearbeitet hatte. Ich kam mit den Menschen von damals sofort wieder ins Gespräch. Das Projekt „Campaign for Nuclear Disarmament“ gab es leider schon kurz nachdem ich Des Moines verlassen hatte nicht mehr. Das Obdachlosenheim, in dem ich gearbeitet habe, gibt es noch. Ich durfte in mein altes Zimmer gehen und mir alles ansehen. Es sah zwar alles ein bisschen anders aus, aber im Grunde genommen war es wie früher. Außer, dass von den Leuten von damals niemand mehr dort gearbeitet hat. Trotzdem habe ich viele ehemalige Kollegen wiedergesehen, denn Ed hat eine Party für mich gegeben. Das war ein wunderschöner Abend. Ich hatte letztes Jahr eine ganz tolle Zeit in Iowa.

Würdest du nochmal denselben Weg einschlagen?

Das ist eine einfache Frage! Ich würde auf jeden Fall nochmal einen Friedensdienst machen. Es war einer der positivsten und besten Wendepunkte in meinem Leben. Es hat mir für viele Jahre Kraft gegeben und mir sowohl für mein berufliches Leben, als auch für mein Privatleben viel Selbstbewusstsein gegeben. Ich hatte in der Zeit mein Coming-Out, was von den Menschen dort sehr toll aufgenommen wurde. Mit meinem ersten Freund aus den USA habe ich sogar immer noch Kontakt. Wir treffen uns alle zwei Jahre in Paris. Es war einfach insgesamt eine tolle Erfahrung. Außerdem habe ich die Sprache gelernt. Dass ich später Englisch und anglo-amerikanische Geschichte studiert habe, ist kein Zufall. Es haben sich durch den Friedensdienst Dinge entwickelt, die für mein späteres Leben wirklich wichtig waren. Es war ein wesentlicher Bestandteil für meine private und berufliche Entwicklung. Ich hatte eine tolle Zeit.

Könntest du dir vorstellen später in deinem Leben nochmal einen Freiwilligendienst zu machen?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Aber ich finde die Idee sehr reizvoll. Natürlich frage ich mich als Schwuler, der keine Kinder hat, was ich denn in den nächsten Jahren machen werde. Daher finde ich, dass es durchaus eine sinnvolle Möglichkeit ist, im Alter noch etwas zu tun. Ich kann es mir sehr gut vorstellen.

EIRENE bietet den Friedendienst der Älteren für Menschen ab 29 Jahren an.

EIRENE gibt jungen Menschen Gelegenheit - ich wähle Worte von Papst Franziskus - , "Beschützer und nicht Räuber der Welt zu werden, Schönheit zu säen..., zu erkennen, dass wir zutiefst mit allen Geschöpfen verbunden sind auf dem Weg in Gottes unendliches Licht".
Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
Nachdem unsere Tochter als EIRENE-Freiwillige in Uganda war, war es wunderschön im Jahr darauf eine junge Frau aus Uganda in unsere Familie aufzunehmen. Das war sehr bereichernd für unsere Familie. Denn gegenseitiges Verständnis braucht Begegnungen!
Christiane Bals, Lehrerin
Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
Tobias Schwab, Journalist
Heute ist es umso wichtiger, dass die ökumenische Friedensorganisation EIRENE das verkörpert, wofür die Friedensgöttin EIRENE 400 vor Christus stand: für einen Frieden als Basis von Wohlstand für alle; als Grundlage einer gerechten Gesellschaft; als Gegenmodell zu einer hochmilitarisierten Welt.
Wolfgang Kessler, 20 Jahre Chefredakteur von Publik-Forum, heute freier Publizist
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