„Im Regen schwitzen“

Ein starkes Team für Frieden in Mali. Die Mitarbeitenden von ORFED zusammen mit der EIRENE-Fachkraft Francois Tendeng und dem ZFD-Koordinator Boniface Cissé.

Die Früchte von Friedensarbeit sind lange unsichtbar

Manche Menschen sagen, es gibt keinen Zufall! Vielleicht war es also bei mir auch kein Zufall dass ich vor zwölf Jahren zum ersten Mal dem Zivilen Friedensdienst (ZFD) begegnet bin. Mir sind friedliches Zusammenleben und Toleranz seit jeher wichtige Werte, die schon immer mein Leben prägten. So habe ich schon in meinen ersten Berufsjahren im Bereich der Gemeindeentwicklung intuitiv Ansätze gewaltfreier Konfliktlösung anzuwenden versucht.

Frieden fördern ist nicht wie Brunnen bohren

Die erste intensive Begegnung mit Methoden der zivilen Konfliktbearbeitung hatte ich jedoch erst später. Im Jahr 2007 machte ich ein Praktikum bei der Nichtregierungsorganisation ORFED und lernte dabei das regionale ZFD-Programm von EIRENE im Sahel kennen. In dieser Zeit bekam ich einen Einblick wie Projekte mit dem Ansatz der langfristigen Transformation von Konflikten versuchen Gewalt vorzubeugen und einen nachhaltigen Frieden zu schaffen. Ich erkannte, dass die Förderung von Frieden nicht mit dem Bau von Brunnen oder Häusern vergleichbar ist. Häuser und Brunnen lassen sich einfach technisch konstruieren, der Weg zum Frieden ist aber ein sensibler gesellschaftlicher Prozess.


Mehr Infos über die Friedensförderung in Mali von EIRENE.


Zusammenarbeit mit einer internationalen Fachkraft

Zwei Jahre später stieg ich dann richtig in das ZFD-Projekt bei ORFED ein. Ich wurde nationaler Kollege einer von EIRENE an ORFED entsandten internationalen Friedensfachkraft. Ich konnte von der Fachkraft einiges lernen, da sie zum Thema der gewaltfreien Konflikttransformation viel Erfahrung mitbrachte. Glücklicherweise stammte sie aus dem Niger und kannte den „afrikanischen“ Kontext sehr gut. Ich empfand ihren Blick von außen auf die Situation in Mali als Mehrwert – insbesondere für die Konfliktanalyse und Strategieentwicklung. Sie musste uns 2012 wegen der Krise in Mali aus Sicherheitsgründen verlassen. Ab 2014 bekam ich bei ORFED die Verantwortung die gemeinsamen Aktivitäten von EIRENE und ihren zwei malischen  Partnerorganisationen zu koordinieren. In dieser Rolle, war ich unter anderem für die Integration zweier neuer von EIRENE entsandter Friedensfachkräfte verantwortlich. Ich sammelte so weitere Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit diesem „Personalinstrument“.

Spannungen in der Nord-Süd-Partnerschaft

Insgesamt haben mich die Zusammenarbeit mit den Fachkräften und das damit einhergehende Sich-Öffnen für andere Kulturen und Persönlichkeiten sehr bereichert. Dennoch ist die Tatsache, dass eine entsandte „Fachkraft“ aus dem globalen Norden im  Rahmen internationaler Zusammenarbeit eingesetzt wird, für zivilgesellschaftliche Organisationen im globalen Süden oft ambivalent. Der Mehrwert des externen Blicks in der Friedensarbeit wird nicht immer gesehen. Die Problematik der Nord-Süd-Beziehung rückt in den Vordergrund. Manche lesen in der Zusammenarbeit die verdeckte Botschaft: „Ihr seid immer noch nicht in der Lage, Euch selbst zu helfen. Ihr braucht qualifiziertes Personal aus dem Norden.“ Oder es kommen Gedanken auf, wie: „Es geht darum, den Europäer_innen Jobs zu verschaffen.“

Frust über Privilegien und worauf es ankommt

Selbst bei mir gab es manchmal Frustrationen, die durch die gute Zusammenarbeit mit den Fachkräften nicht völlig ausgeglichen werden konnten. So genossen die Fachkräfte im Vergleich zu mir eine Reihe von Privilegien. Dabei arbeiteten wir alle für das gleiche Ziel, wir alle arbeiteten gleich hart. Auch die Machtbeziehung „(Geld-)Geber“ gegenüber dem „(Geld-)Nehmer“ war beizeiten sichtbar, sowohl in den Entscheidungen als auch in der Verhaltensweise bestimmter Akteur_innen. Das Vertrauen zwischen der Partnerorganisation und den Fachkräften wurde dadurch manchmal beeinträchtigt. Meine Erfahrungen mit den von EIRENE entsandten Fachkräften führen mich zu dem Schluss, dass im Grunde genommen alles von der Persönlichkeit und Erfahrung einer Fachkraft abhängt. Insbesondere ist es wichtig, was sie an neuer Perspektive und an Fachkompetenz einbringt und wie sie ihre Rolle lebt.

Masterstudium in der Schweiz

Die Schwierigkeit, die Unterschiede in den Privilegien zwischen ihnen und mir zu akzeptieren wurde dadurch erleichtert, dass mir im Rahmen des ZFD-Projektes ein Masterstudium in der Schweiz, das ich 2015-2016 absolvierte, teilfinanziert wurde. Ich habe diese Unterstützung als einen Beitrag zur Stärkung der Kompetenzen lokaler Kräfte sehr wertgeschätzt. Denn diese müssen aus meiner Sicht in der Friedensarbeit die Verantwortung übernehmen, wenn sie nachhaltig sein soll.

Von der Basis auf die nationale Ebene

Heute bin ich im EIRENE-Regionalbüro in Niamey im Niger verantwortlich für das gesamte EIRENE-ZFD-Programm zur Förderung von Frieden und Gewaltfreiheit in Burkina Faso, Mali und Niger. Aufbauend auf meinen Erfahrungen in der Friedensarbeit versuche ich angesichts der aktuellen Krise im Sahel folgende Botschaft an die Partnerorganisationen zu vermitteln: „Wir arbeiten für uns selbst. Wir brauchen den Frieden und das erfordert unser Engagement.“ Ich hoffe, diese Botschaft wird von den Partnerorganisationen gehört. Ich bin nicht vom Norden gekommen. Ich bin einer von ihnen. Der Kampf für den Frieden im Sahel beschäftigt mich jetzt weit mehr als die internationale Zusammenarbeit mit dem Norden. Dies umso mehr, da der ZFD trotz geringer Mittel die Chance bietet, an der Basis Frieden zu schaffen – unter anderem mittels Beratung der Zivilgesellschaft. Diese Arbeit ist ganz besonders wichtig, um einen dauerhaften Frieden aufzubauen. Sie bewirkt mehr als Militäreinsätze zur Friedenserzwingung oder eine Politik der Gipfeltreffen, die nur die Mächtigsten einbezieht. Auch wenn die richtigen politischen Entscheidungen auf höchster Ebene selbstverständlich wichtig sind!

Frieden kommt nicht aus dem Labor

Frieden kann nicht im Reagenzglas erzeugt werden, er muss im Herzen und im Geiste eines jeden Menschen wachsen. Die politischen Entscheider_innen in Burkina Faso, Mali und Niger haben den Ansatz der gewaltfreien Lösung von Konflikten noch nicht gelernt. Ich wünsche mir, dass die an der Basis erreichten Fortschritte mit der Unterstützung des ZFD auch Einfluss auf die Politik auf nationaler Ebene in den drei Ländern oder gar auf die regionale Ebene im Sahel haben werden. Könnten doch die lokalen Kompetenzen einen wichtigen Platz in den Friedensverhandlungen einnehmen! Ich wünsche mir, dass zivilgesellschaftliche Organisationen, die an Friedensfragen arbeiten, stärker werden und sich unabhängig davon engagieren, ob sie finanziell aus dem  Ausland unterstützt werden oder nicht.

Die Zukunft des Zivilen Friedensdienstes (ZFD)

Vielleicht könnte eine Neuausrichtung des Instruments des ZFD angesichts der Erfahrungen und des sich verändernden Gesichtes der Gewalt (wenn wir uns ansehen, was jetzt im Sahel geschieht) noch bessere Ergebnisse bringen: Ich denke dabei an  Lobbying in Richtung der politischen Kräfte, an konkrete Stabilisierungsmaßnahmen, die zur Nachahmung anregen. Und es sollten mehr Möglichkeiten geschaffen werden, damit Fachkräfte aus dem Süden Verantwortung für die Umsetzung übernehmen  können. Für mich gleicht ein_e Friedensarbeiter_in, „einer Person, die unter einem Regenschauer schwitzt“, wie wir es bei uns sagen. So wie Schwitzen unter einem Regenschauer nicht sichtbar ist, sind auch die Früchte unserer Arbeit nicht sofort sichtbar. Ich bin festen Glaubens, dass unsere Arbeit im Sahel auf lange Sicht eine gute Basis für den Frieden liefern wird. Für mich persönlich stelle ich mir vor, dass ich mich in fünf Jahren in einem anderen Teil Afrikas oder anderswo - warum nicht in Europa! -  befinden werde. Dort werde ich mithilfe der im Sahel gemachten Erfahrungen weiterhin die Samen der Gewaltlosigkeit in die Köpfe der Menschen säen.

Boniface Cissé ist verantwortlich für das regionale ZFD-Programm von EIRENE in Burkina Faso, Mali und Niger. Er hat Jura und Politikwissenschaften in Bamako und Genf studiert.

Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
Tobias Schwab, Journalist
Nachdem unsere Tochter als EIRENE-Freiwillige in Uganda war, war es wunderschön im Jahr darauf eine junge Frau aus Uganda in unsere Familie aufzunehmen. Das war sehr bereichernd für unsere Familie. Denn gegenseitiges Verständnis braucht Begegnungen!
Christiane Bals, Lehrerin
Heute ist es umso wichtiger, dass die ökumenische Friedensorganisation EIRENE das verkörpert, wofür die Friedensgöttin EIRENE 400 vor Christus stand: für einen Frieden als Basis von Wohlstand für alle; als Grundlage einer gerechten Gesellschaft; als Gegenmodell zu einer hochmilitarisierten Welt.
Wolfgang Kessler, 20 Jahre Chefredakteur von Publik-Forum, heute freier Publizist
EIRENE gibt jungen Menschen Gelegenheit - ich wähle Worte von Papst Franziskus - , "Beschützer und nicht Räuber der Welt zu werden, Schönheit zu säen..., zu erkennen, dass wir zutiefst mit allen Geschöpfen verbunden sind auf dem Weg in Gottes unendliches Licht".
Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
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