Koranschulen in gewaltfreier Friedensmission

Wie verhindern Koranschulen die Radikalisierung von jungen Leuten? Die Soziologin Ramatou Alfadi erklärt im Interview gewaltfreie Ansätze für das nigrische Bildungssystem. Sie leitet das EIRENE-Programm „Friedliche Zukunft im Sahel“, das Kindern und Jugendlichen neue Bildungschancen eröffnet.

Ramatou, du setzt dich schon seit vielen Jahren für eine bessere Zukunft von Kindern und Jugendlichen in Niger ein. Warum ist gerade jetzt die Stärkung von jungen Menschen hier und in Burkina Faso so wichtig?

Das Problem ist nicht neu. Wenn junge Menschen keine Ausbildung erhalten, erlernen sie keinen Beruf und finden keine Arbeit. Sie sind frustriert, mittellos und ihr Selbstwertgefühl ist schwach. insbesondere bei jungen Männern. Viele sind auch von den staatlichen Strukturen enttäuscht, weil sie keine Unterstützung in der Berufsbildung bekommen. In den letzten Jahren sind die radikal-islamistischen Gruppen stärker geworden. Diese versuchen die jungen Leute auf ihre Seite zu ziehen. Die Jugendlichen bekommen mit, wenn ihre Kumpels über illegalen Waffenhandel oder Schmuggel schnelles Geld verdienen und denken, dass auch sie darüber reich werden könnten. Die Milizen verleihen ihnen Rang und Titel, die ihnen Anerkennung vermitteln und ihr Selbstwertgefühl steigern. Sie finden dort Gruppenzugehörigkeit und Identität, die ihnen fehlt. Sie sehen nicht die Gewalt und Verbrechen dieser Gruppen. Von Januar bis September 2020 sollen allein in Niger 402 Menschen getötet oder entführt worden sein.

Die Koranschulen befinden sich in einem Gebiet, in dem ein friedliebender Islam gelehrt wird.

Ja, das stimmt. Aber die Gemeinden Loga und Mokko, wo wir arbeiten, sind nur rund 100 km von Nigeria entfernt. Dort wird ein radikaler Islam gelehrt. Es gibt Koranschullehrer_innen, die sich dort ausbilden lassen. Dann kommen sie radikalisiert zurück beeinflussen die jungen Leute.


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Deshalb arbeitet ihr auch mit den Koranschulen und deren religiösen Führern zusammen?

Ja, das ist ein Grund. Ein anderer ist, dass wir über die Koranschulen auch die Kinder, die nicht in eine offizielle Schule gehen, erreichen, besonders die von armen Familien. Die Koranschulen verlangen keine Gebühren und existieren in nahezu jedem Dorf.

Du hast von einem neuen, ganzheitlichen Bildungsansatz gesprochen, den EIRENE auch in Zusammenarbeit mit Marabouts (religiöse Führer) entwickelt hat. Wie sieht der aus?

Der Ansatz hat viele Elemente. Für die Grundschulkinder bieten wir Unterricht nach der Ajami-Methode an. Damit lernen die Kinder Lesen und Schreiben in ihrer Muttersprache Djerma, und zwar mit arabischem Alphabet. Das kennen die Kinder vom Auswendiglernen der Koranverse. Die lateinische Schrift und die französische Sprache, die in den staatlichen Schulen genutzt werden, sind den Kindern fremd. Wir lassen jetzt neue Schulbücher in Djerma erstellen. Ich freue mich auch, dass dank unserer pädagogische Fortbildungen die Prügelstrafe abgenommen hat. Die Einschulungsquote steigt, insbesondere bei Mädchen. Dazu haben wir bereits gute Erfahrungen mit Aufklärungs-Karavanen in den Dörfern gemacht. Wir sprechen die Eltern an und erklären ihnen die neuen Unterrichtsformen und warum es wichtig ist, dass sie alle ihre Kinder in die Schule schicken.

Für die Schüler_innen zwischen 9 und 12 Jahren wurden Übergangsklassen eingerichtet. Dort lernen sie Französisch, das sie in den weiterführenden Schulen brauchen. Mittlerweile haben mehrere Koranschulen diese Übergangsklassen eingerichtet und rund 30 Prozent der Grundschüler_innen schaffen den Wechsel in die staatlichen, weiterführenden Schulen.Weiterhin konnten wir erreichen, dass Themen wie demokratische Teilhabe, Gewaltfreiheit, Friedensbildung auch in die Lehrpläne aufgenommen werden.


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Wie reagieren die Koranschullehrer_innen auf die Umstellung der Lehrpläne?

Die Meisten erleben, wie interessiert die Kinder auch an anderen Themen abseits der Koraninhalte sind. Umwelt, Sexualität, Gesundheit, Familie... das sind ja Themen ihres tagtäglichen Lebens. Wir erleben, dass die Kinder nun länger in der Schule bleiben und nicht so früh abbrechen.

Was bedeutet die Corona-Pandemie für das Programm?

Glücklicherweise sind die Infektionsraten in Niger und Burkina Faso niedrig. Die Schulen sind die meiste Zeit offen geblieben. Wir haben zusätzliches Hygienematerial gebracht und klären die Kinder und Lehrkräfte auf, wie sie sich gegen die COVID19 Ansteckung schützen können.

Sorge bereitet mir allerdings, dass die Grenzen zu den Nachbarländern geschlossen sind. Das ist nicht gut für unsere Wirtschaft und für Arbeitsmöglichkeiten junger Leute. Jetzt befürchte ich, dass die Zahl der jungen Leute, die sich kriminellen Gruppen anschließen, wieder steigt.

Das Interview führte Jeroen Roovers, EIRENE-Koordinator für den Sahel

Heute ist es umso wichtiger, dass die ökumenische Friedensorganisation EIRENE das verkörpert, wofür die Friedensgöttin EIRENE 400 vor Christus stand: für einen Frieden als Basis von Wohlstand für alle; als Grundlage einer gerechten Gesellschaft; als Gegenmodell zu einer hochmilitarisierten Welt.
Wolfgang Kessler, 20 Jahre Chefredakteur von Publik-Forum, heute freier Publizist
EIRENE gibt jungen Menschen Gelegenheit - ich wähle Worte von Papst Franziskus - , "Beschützer und nicht Räuber der Welt zu werden, Schönheit zu säen..., zu erkennen, dass wir zutiefst mit allen Geschöpfen verbunden sind auf dem Weg in Gottes unendliches Licht".
Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
Nachdem unsere Tochter als EIRENE-Freiwillige in Uganda war, war es wunderschön im Jahr darauf eine junge Frau aus Uganda in unsere Familie aufzunehmen. Das war sehr bereichernd für unsere Familie. Denn gegenseitiges Verständnis braucht Begegnungen!
Christiane Bals, Lehrerin
Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
Tobias Schwab, Journalist
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