Kosovo: Hand in Hand auf die Vergangenheit blicken

Für den Frieden zu arbeiten, das ist heute ein Beruf. Man wird in Methoden geschult, nimmt an Fortbildungen teil, entwirft Projekte, hat Arbeitsstunden abzuleisten und stellt Urlaubsanträge. Man kann sogar so aufregende Studienfächer wie Friedens- und Konfliktforschung studieren. Dort lernt man noch mehr Methoden, liest Studien, trifft Expert_innen aus Theorie und Praxis und wird für eine Karriere in der Friedensarbeit mit dem notwendigen Rüstzeug gewappnet. Alles klappt, alles läuft, Abschluss gemacht, beworben, Zusage bekommen, rein ins Flugzeug und  los. Und plötzlich arbeitet man mit Menschen zusammen, die einen Krieg wirklich erlebt haben. Das hat Vieles für mich verändert.

Die KURVE Wustrow startete 2014 im Rahmen des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) eine Kooperation mit der Friedensorganisation Action for Nonviolence and Peacebuilding (ANP) im Kosovo. Als Friedensfachkraft war es dort meine Aufgabe zusammen mit meinen neuen Kolleg_innen ein Projekt zu Vergangenheitsaufarbeitung auf die Beine zu stellen. Kein leichtes Unterfangen.

Vergangenheitsaufarbeitung im Kosovo hier das Video anschauen

Die Vergangenheit in Gesellschaften, die kürzlich einen Krieg erlebt haben, ist ein vermintes Gebiet. Es gibt viele No-Go-Areas, manche Schritte führen im übertragenden Sinne zu  Explosionen und ohne eine gute Landkarte kommt man nicht weit. Das war im Deutschland der 1950er Jahre so und so ist es auch im Kosovo heute. In dem von Albaner_innen politisch dominierten Land lautet die offizielle Geschichtserzählung so: In den 1990er Jahren war die UCK die Befreiungsarmee, die serbischen Truppen, kommandiert von Slobodan Miloševic, waren die Besetzer und die Intervention der NATO war die Erlösung aus dem Drama. Doch das Leben jedes Menschen und die Geschichte jeder Gesellschaft wechselt zwischen allen Graustufen, zwischen Schwarz und Weiß. Meine Kolleg_innen von ANP wussten das aus eigener Erfahrung und so waren wir in der Lage ein Projekt zu entwerfen, das für Menschen verschiedenster Gruppen und geografischer Herkünfte attraktiv war, die sich mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen wollten.

Im montenegrinischen Ulcinj, einem beliebten Badeort an der Adria, kamen wir mit unserer gemischten Gruppe an Teilnehmer_innen quasi auf neutralem Gebiet zusammen. Jede und jeder hatte sein Gepäck aus verdrängten Erinnerungen an Flucht, Angst und Wut dabei. In einem  beeindruckenden Prozess schafften es meine Kolleg_innen Nexhat, Gazmend, Emine und Fatime die Gruppe zusammen zu bringen und Vertrauen aufzubauen. Schritt für Schritt nahmen sich die Gruppenmitglieder gegenseitig an die Hand und gemeinsam wendeten wir uns ihrer schmerzvollen Vergangenheit zu.

Gewalt zerschlägt Beziehungen in Sekunden

Einer unserer albanischen Teilnehmer, Adnan (Name geändert) musste sich während des kalten Winters mehrere Monate im Wald vor serbischen Truppen verstecken. Sein Bruder, der sein Schicksal teilte, wäre in dieser Zeit fast an einem Schlangenbiss gestorben. Im Training lernte er Goran (Name geändert, Anm. d. Red.), einen serbischen Teilnehmer aus dem Norden Kosovos kennen. Der wiederum hatte sich während des Krieges gegen das Miloševic-Regime gestellt und wurde in seiner Gemeinde isoliert. Goran verlor seinen besten Freund, der sich den kämpfenden Truppen angeschlossen hatte und nie aus dem Krieg zurückkehren sollte. Nach den Einheiten zu Gewaltfreier Kommunikation, Identität und Vergangenheitsaufarbeitung saßen Goran und Adnan abends noch stundenlang zusammen. Sie erzählten sich von Schmerz und Angst, von Verlust und Wut. In einem Hotel an der Adria bauten sie eine Brücke zueinander, über einen serbisch-albanischen Graben hinweg, die sie wohl selbst nie für möglich gehalten hätten. Gewalt zerschlägt Beziehungen in Sekunden, es braucht Jahrzehnte kleiner Schritte sie wieder aufzubauen.

Ich fragte mich, was mein persönlicher Beitrag zur Vergangenheitsaufarbeitung im Kosovo, einem Land, das ich nur aus dem Fernsehen kannte, sein könnte und entschloss mich die Geschichten meiner eigenen Familie und deren Weg durch den Zweiten Weltkrieg zu teilen. Denn die  Vergangenheitsaufarbeitung nach einem Krieg, reicht über Generationen hinaus, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Das Familiengedächtnis meiner deutschrussischen Mischpoke ist umfangreich. Über die Jahre habe ich viel erfahren über Flucht und Krieg, Entbehrung, Verlust und Schuld. Die Ereignisse des turbulenten 20. Jahrhunderts in Europa prägten das Leben meiner Großeltern und legten einen Ballast auf die Kindheit meiner Eltern. Die Vergangenheitsaufarbeitung in Deutschland hat viele Gesichter: Ich berichtete über KZ-Gedenkstätten, Stolpersteine  und Denkmäler. Doch meine eigene Familiengeschichte zu teilen, war etwas sehr besonderes für mich. Und so war ich für einen Nachmittag im Oktober 2014 nicht mehr Friedensfachkraft, ich war Teilnehmer einer Gruppe von Menschen, die sich der Vergangenheit stellten.

Die Energie und der Mut unserer Teilnehmer_innen, ihre persönlichen Erinnerungen an den Kosovo-Krieg in einer diversen Gruppe zu teilen, haben mich beeindruckt. Nach unserem ersten Training in Ulcinj sollten noch zwei weitere folgen: Es wurden Bilder gemalt und persönliche  Geschichten aufgeschrieben, teilweise mit großem Recherche-Aufwand. Als Highlight wurde das Buch „The Soul´s Remembrance“ mit Lebensgeschichten und Erinnerungen an den Kosovo-Krieg von Menschen verschiedenster Gruppenzugehörigkeit im April 2015 in Pristina in der Nationalbibliothek vorgestellt.

Die Dokumentation über "The Soul´s Remembrance"

Friedensorganisationen in Nachkriegsgesellschaften werden immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert nicht professionell genug zu sein. Stimmen sagen, dass ihre Emotionalität erfolgreicher Arbeit im Wege stehen würde. Auf einer Konferenz in Österreich hörte ich einmal Nenad  Vukosavljevi, nicht nur Mitbegründer des Centre for Nonviolent Action (CNA) in Sarajevo/ Belgrad, sondern auch prägende Figur des Zivilen Friedensdienstes (ZFD), einen sehr treffenden Satz sagen: „Wir haben einen Krieg erlebt, es geht bei unserer Arbeit nicht in erster Linie um Professionalität, es geht um unser Leben. Wer könnte sich dafür besser einsetzen als wir selbst?“ Ein Satz, der mir in meiner Rolle als externe Friedensfachkraft gut getan hat, kritisch und reflektiert mit meinem Mandat umzugehen.

Herzblut ist ausschlaggebend

Die Arbeit für den Frieden ist wie ein Mosaik aus vielen Teilen: Projektanträge schreiben, Evaluierungen durchführen, Finanzberichte erstellen, Konflikte analysieren und mediieren − jede Tätigkeit hat ihren Platz. Das Studium der Friedens- und Konfliktforschung und die  Fortbildungskurse bei der KURVE, die ich zusammen mit meinen Teamkolleg_innen besuchen konnte, haben mich gut auf diese Welt vorbereitet. Doch in der Realität der kosovarischen Nachkriegsgesellschaft merkte ich schnell, dass es mehr braucht, um sich für den Frieden effektiv einzusetzen. Es war das Herzblut meiner Kolleg_innen von ANP, das letztendlich ausschlaggebend für den Erfolg unserer Arbeit war. Meine Aufgabe verstand ich darin ihnen den Rücken für ihre Arbeit im Dialog mit anderen Menschen freizuhalten. Gespeist aus ihren  persönlichen Erfahrungen während des Zerfalls Jugoslawiens haben sie einen unbändigen Willen entwickelt für den Frieden einzustehen. Eines habe ich in meiner Zeit mit ihnen gelernt: Wo ein Wille ist, da ist ein Weg.

Stefan Schneider studierte Friedens- und Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg. Von 2014 bis 2016 war er Friedensfachkraft der KURVE Wustrow im Kosovo. Seit August 2016 arbeitet er im Kommunikationsreferat in der Geschäftsstelle von EIRENE und ist dort zuständig für Social Media und Fundraising.

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Nachdem unsere Tochter als EIRENE-Freiwillige in Uganda war, war es wunderschön im Jahr darauf eine junge Frau aus Uganda in unsere Familie aufzunehmen. Das war sehr bereichernd für unsere Familie. Denn gegenseitiges Verständnis braucht Begegnungen!
Christiane Bals, Lehrerin
Heute ist es umso wichtiger, dass die ökumenische Friedensorganisation EIRENE das verkörpert, wofür die Friedensgöttin EIRENE 400 vor Christus stand: für einen Frieden als Basis von Wohlstand für alle; als Grundlage einer gerechten Gesellschaft; als Gegenmodell zu einer hochmilitarisierten Welt.
Wolfgang Kessler, 20 Jahre Chefredakteur von Publik-Forum, heute freier Publizist
EIRENE gibt jungen Menschen Gelegenheit - ich wähle Worte von Papst Franziskus - , "Beschützer und nicht Räuber der Welt zu werden, Schönheit zu säen..., zu erkennen, dass wir zutiefst mit allen Geschöpfen verbunden sind auf dem Weg in Gottes unendliches Licht".
Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
Tobias Schwab, Journalist
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