Mit dem Koran gewaltfrei handeln

Extremismusprävention in Niger durch Friedenserziehung an Koranschulen

„Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, warum Christen und Muslime nicht wie Glaubensgeschwister miteinander leben sollten“, sagt Maimou Wali aus der Republik Niger. Sie ist 44 Jahre alt und engagiert sich als fromme Muslima für den interreligiösen Dialog und gegen den islamischen Extremismus. Sie ist Tochter eines Imams und erklärt, warum ihr das Zusammenleben von Christen und Muslimen in die Wiege gelegt wurde.

Im Viertel ihres Elternhauses in der nigrischen Stadt Agadez lebten seit ihrer Kindheit katholische Ordensschwestern der Action Catholique und es wurde seit jeher eine herzliche Nachbarschaft gepflegt. An den muslimischen und christlichen Feiertagen besuchen sich ihr Vater als Imam und die katholischen Schwestern regelmäßig. Als Maimous Vater einmal ernsthaft erkrankte, kümmerte sich eine der Ordensschwestern, die gleichzeitig Krankenschwester war, intensiv um die Genesung ihres Vaters. „Solche Erfahrungen prägen“, sagt Maimou Wali. Nach hrem Studium der Politikwissenschaft engagierte sie sich beim Internationalen Christlichen Friedensdienst EIRENE, der seit den 1970er Jahren in der Republik Niger aktiv ist.

In der Region Agadez am Rande der Sahara unterstützten europäische EIRENE-Fachkräfte in den 1980er Jahren lokale Initiativen in der Oasenwirtschaft, um die periodischen Hungersnöte zu mildern. Damals stellte EIRENE im Niger muslimische Mitarbeiter_innen ein und so ergab sich ganz natürlich eine Zusammenarbeit von Menschen unterschiedlicher Religionen. Diese Zusammenarbeit wurde in den letzten Jahren intensiviert und seit 2011 engagierte sich Maimou Wali, die mit EIRENE schon einige Jahre zuvor eine zweijährige Ausbildung in gewaltfreier Konfliktbearbeitung gemacht hatte, als Mitarbeiterin von EIRENE in einem Projekt für die Reform der Erziehung in den Koranschulen: PAPEC (Projet d’Appui Pédagogique aux Ecoles Coraniques).

Da die Erziehung und Bildung in den staatlichen Schulen oft eine sehr schlechte Qualität hat, schicken viele Eltern ihre Kinder im Niger nur in die Koranschulen und nicht in die staatlichen, vom Kolonialsystem geprägten Schulen. Normalerweise lernen die Kinder in den Koranschulen nur den Koran auswendig zu rezitieren; sie lernen weder Lesen noch Schreiben. Während im formellen Schulsystem des Niger nach wie vor die Kolonialsprache Französisch Unterrichtssprache ist, werden in den Koranschulen die Muttersprachen der Haussa-, Tuareg- und Peul-Völker gesprochen; der Koran wird auf Arabisch auswendig gelernt. Das Projekt macht sich das zunutze, um den Schüler_innen anhand arabischer Schriftzeichen in ihrer Muttersprache Lesen und Schreiben beizubringen. Neben der Alphabetisierung fördert das Projekt auch andere Aspekte der Grundbildung und – nicht zuletzt auf Initiative von Maimou Wali – Erziehung zu Gewaltfreiheit. Wogegen sich Maimou Wali am stärksten wandte, war die traditionelle Erziehungsmethode, Kinder mit dem Stock zu schlagen, wenn sie die Koranverse nicht richtig auswendig gelernt hatten. Ein weiterer wichtiger Ansatzpunkt für sie war die Art und Weise, wie der Koran verstanden wurde.

Mehr Infos zum Projekt Koranschulen fördern Friedensbildung

Gegen eine gewaltbezogene Lesart des Korans hatte sie schon viele Jahre zuvor mit Kolleg_innen, die wie sie die Ausbildung in gewaltfreier Konfliktbearbeitung absolviert hatten, all die Koranstellen gesammelt, die vom Frieden sprechen und davon, dass Gewalt abzulehnen sei. So wurde mit Hilfe von EIRENE ein „Argumentaire Islamique pour la promotion de la paix et la gestion non violente des conflits“ publiziert, ein Handbuch mit allen Koransuren, die sich auf den Frieden und den Auftrag des Islams, den Frieden zu verbreiten, beziehen. Wali und ihre Kolleg_innen wollten damit auch zeigen, dass der moderne Ansatz der gewaltfreien Kommunikation kein Widerspruch zum islamischen Glauben darstellt, sondern im Gegenteil selbst im Islam verankert ist. Mit diesem Handbuch machte Wali die Koranlehrer_innen vertraut. Das Handbuch zeigte Wirkung: Die Koranlehrer_innen stellten die körperliche Züchtigung in Frage. Darüber hinaus wird das Handbuch inzwischen als eine Art religiöser Friedenserziehung in den Koranschulen genutzt. Die Neuauflage von 2015 wurde um zwei Kapitel ergänzt: Islam und Staatsbürgerschaft sowie Islam und Terror. Da bieten sich jetzt auch Themen politischer Bildung an. Gerade in Reichweite der Rekrutierungsversuche von Boko Haram hat diese Art der Friedenserziehung eine unschätzbare Bedeutung.


Boko Haram widerstehen

Denn seit 2013 hatte sich die politische und Sicherheitssituation in Niger verschärft, als die Terrororganisation Boko Haram über die Grenze von Nigeria in Niger eindrang und sich in der Region Diffa vor Verfolgung versteckte. Als sich die Boko Haram-Gruppierungen in diesen Verstecken erst einmal festgesetzt hatten, begannen sie, in Niger neue Mitglieder zu rekrutieren. Maimou Wali berichtet, dass in Niger der Islam eigentlich immer sehr friedliebend gelebt wurde. Wie konnte es dann gelingen, dass diese Rekrutierungen teilweise doch erfolgreich waren? Für sie gibt es dafür eine ganze Reihe von Gründen. Dabei vermischen sich sozioökonomische Faktoren und Enttäuschung über den Staat.

Überschwemmungen und lange Trockenzeiten führten dazu, dass die lebensnotwendigen Erträge aus dem Gemüseanbau und dem Fischfang ausblieben. Zwar wird in der Region Erdöl durch ein chinesisches Unternehmen gefördert, aber die lokale Bevölkerung profitiert kaum davon. Gegen die Proteste der Bevölkerung ging das Militär hart mit Gewalt vor und junge Menschen wandten sich dann den Milizen von Boko Haram zu, die ihnen eine Alternative anboten. Boko Haram versprach mit ihrer extremen islamischen Ideologie, sie würden den „wahren Islam“  einführen und den Menschen mit einem islamischen Staat zu ihrem Recht verhelfen. Fehlende Bildung aufgrund der bereits erwähnten Tatsache, dass viele Eltern wegen der schlechten Qualität staatlicher Schulen ihre Kinder nur in Koranschulen schicken, erhöht die Anfälligkeit der Jugendlichen für Ideologien. Auch verurteilten nicht alle Koranschulen die Aktivitäten von Boko Haram. Fehlende Bildung verschlechtert darüber hinaus die Beschäftigungs- und Einkommensmöglichkeiten. Boko Haram jedoch bot jungen Rekruten eine Einkommensquelle, zumBeispiel indem sie ihnen als Eintrittsgeld Motorräder schenkten und zum Teil sogar monatliche „Gehälter“ zahlten. Schließlich führte auch die Angst vor Repressalien durch Boko Haram dazu, dass sich Jugendliche den Milizen anschlossen. Verstärkt wurde dies dadurch, dass es in der Region Diffa kaum eine Präsenz staatlicher Organe gibt, die die Menschen vor Boko Haram schützen könnte.

Maimou Wali belegte diese Gründe in einer umfassenden Studie, die sie für die nigrische Regierung erstellt hat. Sie ist dafür in die Grenzregion Diffa gereist und hat Interviews in Dörfern geführt, aus denen Menschen von Boko Haram vertrieben wurden. Ihre Forschungsarbeit war nicht ungefährlich. Ziel ihrer Studie war es, Resilienzstrategien (Strategien für die Stärkung der psychischen Widerstandsfähigkeit) gegen die Ausbreitung von Boko Haram zu entwickeln.

Extremismusprävention verlangt nach ihrer festen Überzeugung eine intensive Arbeit auf lokaler Ebene. Die lokalen Autoritäten - Bürgermeister und Imame - müssen „nein“ zur Rekrutierung durch Boko Haram sagen. Wenn Dörfer mutig als ganze widerstehen, hat Boko Haram keine Chance. Die lokalen Schulen müssen verbessert werden. Sie können durch Bildung Gewaltprävention fördern und über die Gefahr durch Boko Haram informieren. Nötig ist auch eine Dezentralisierung des politischen Machtsystems. Die lokalen und regionalen Institutionen und Behörden brauchen ein eigenes Budget, um vor Ort Initiativen starten zu können. Zu den notwendigen Initiativen gehört außerdem, die Imame fortzubilden und einen Aktionsplan mit ihnen zu entwickeln.

Maimou Wali ist eine Expertin für diese lokale Präventionsarbeit gegen den islamischen Extremismus. „Ein Jahr lang bin ich überall auf der Welt von Konferenz zu Konferenz gejettet und habe von der Arbeit berichtet, aber ich merke, dass die internationalen Konferenzen alleine nicht die Lösung sind. Die Lösungen müssen vor Ort entwickelt werden.“

Prof. Dr. Josef Freise ist Erziehungswissenschaftler und Theologe. Nach elfjähriger Tätigkeit als Referent und Geschäftsführer beim Internationalen Christlichen Friedensdienst EIRENE lehrte er ab 1997 bis zu seiner Pensionierung zwanzig Jahre lang an der Katholischen Hochschule NRW in Köln. Er forscht und publiziert zu Fragen der Bildung, Sozialen Arbeit und Seelsorge im Kontext kultureller und religiöser Vielfalt und ist Vorstandsmitglied in der EIRENE Stiftung. www.Josef-Freise.de

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