Nordirland: 30 Jahre so nah, so fremd

Spielende Kinder an der „Peace Line“ 1988. Foto: Manfred Hattendorf

Seit 20 Jahren gibt es keine offene Gewalt mehr im Nordirland-Konflikt. Das Frieden jedoch noch in weiter entfernt ist stellten Manfred Hattendorf und Marcus Winterbauer bei einem Besuch 2016 fest. Die beiden besuchten die Einsatzstellen ihres Friedensdienstes 1986.

Wir waren damals Anfang zwanzig, Marcus und ich. Kennengelernt haben wir uns 1986 bei einem Vorbereitungsseminar von EIRENE, bevor wir im Herbst gemeinsam mit anderen deutschen Freiwilligen unseren Friedensdienst in Belfast begonnen haben: Marcus in der „Peace Farm“ des Farset Community Centre im umkämpften West Belfast in der Springfield Road, ich mit meinem Filmprojekt für junge Arbeitslose beider Konfessionen in „Bryson House“ im neutralen Stadtzentrum.

Damals waren Nordirland und Belfast gleichbedeutend mit den „Troubles“: 17 Jahre nach dem Beginn der tödlichen Auseinandersetzungen zwischen den britischen Sicherheitskräften, der friedlichen Bevölkerung und den paramilitärischen Bürgerwehren und Untergrundkämpfern auf der katholischen und protestantischen Seite. Damals war nicht abzusehen, wie eine friedliche Zukunft dieser Gegend am äußersten Rand Europas je aussehen sollte, 12 Jahre vor dem „Good Friday Agreement“ von 1998, als die Paramilitärs endgültig beschlossen, ihre ‚Feinde‘ nicht mehr umzubringen.1986 waren Bomben, tödliche Anschläge und Einschüchterungen in Belfast genauso an der Tagesordnung wie die „Joy Rides“ desillusionierter Jugendlicher ohne Zukunft, wie kreisende Hubschrauber über den Divis Flats in West Belfast und Sicherheitskontrollen vor dem Betreten von Geschäften im Stadtzentrum.

Damals kamen wir Freiwillige mit der Fähre von Stranraer in Schottland in Larne an und betraten dort den Boden von Ulster zum ersten Mal. 30 Jahre später erreichen wir mit dem Mietwagen von Dublin aus über die Ormeau Road im Süden die nordirische Hauptstadt. Marcus und
ich sind seit unserer Zeit als EIRENE-Freiwillige befreundet und haben schon lange von dieser Reise gesprochen. Jetzt, im April 2016, machen wir es endlich wahr, kommen für ein paar Tage zurück und sind nervös, gespannt auf unsere Spurensuche, zugleich neugierig auf Nordirland heute. Belfast Revisited, Belfast Now: Was werden wir wiedererkennen, was hat sich verändert? Wie steht es um den Friedensprozess in Nordirland heute? Wie erleben junge Deutsche Anfang zwanzig ihren EIRENE-Freiwilligendienst in Belfast heute? Das sind die Fragen, mit denen wir an diesem schönen Frühlingstag ankommen, wenige Wochen vor den Regionalwahlen und dem Referendum über den „Brexit“ in Großbritannien. Unsere Euros lassen wir ab sofort in der Tasche, hier bezahlen wir wie damals in Pfund. Belfast gehört nach wie vor zum United Kingdom.

Welcome in Belfast! Wir erkunden die Stadt zu Fuß – damals hatte jeder von uns beiden ein Fahrrad. Die Innenstadt hat sich deutlich zum Positiven verändert. Strassensperren und „Peace Lines“ sind hier verschwunden. Stattdessen gibt es neue attraktive Stadtviertel, allen vor an das Cathedral Quarter mit seinen Pubs, Szenekneipen und schicken Coffee Shops. Neben Glitzer-Malls wie „The Dome“ finden sich aber auch ganze Straßenzüge mit verfallenden und verrammelten Gebäuden. Stadtplanung aus einem Guss sieht anders aus. Aber Belfast ist auch keine normale Stadt. Belfast muss sich sein neues Gesicht mühsam Schritt für Schritt wieder erobern, mit Projekten wie dem Titanic Quarter auf der anderen Seite des Lagan River. Belfast, Stadt am Fluss, Stadt am Meer, mit seiner Schiffswerft Harland & Wolff, in der Anfang des 20. Jahrhunderts bedeutende Kreuzfahrtschiffe gebaut wurden, dessen berühmtestes, die Titanic, zum Mythos des Scheiterns wurde. Nun hat Belfast aus dieser Katastrophe einen Tourismusmagneten gemacht. Touristen kommen aus aller Welt, um hier das Titanic Museum zu
besuchen. Well done, Belfast! Ebenso trägt die Kultserie „Game of Thrones“ zum Bild des neuen Belfast bei. Die Serie wird mit Mitteln der nordirischen Filmförderung unterstützt, Innenaufnahmen wurden in den „Titanic Studios“ unweit des Titanic Museum gedreht. Darüber
rede ich mit Richard Williams, dem Leiter der nordirischen Filmförderung. Film und Medien in Nordirland: Dieses Thema interessiert mich besonders, weil ich in den achtziger Jahren zwei Jahre lang hier Filme mit nordirischen Jugendlichen gedreht habe. Mein Projekt als EIRENE-Freiwilliger war damals ein Friedensprojekt mit künstlerischen Mitteln: Begegnung und gemeinsamer kreativer Austausch über Themen, die jeder von seiner Seite her kennt. Jung sein in den 80ern. „Belfast Experience“, so der Titel des Dokumentarfilms, der 1987 in der BBC ausgestrahlt wurde.

Besuch bei einer aktuellen EIRENE-Freiwilligen

Auf unseren Erkundungen zu Fuß fallen uns in West Belfast viele Dinge auf, die uns bekannt vorkommen: Die „Peace Lines“ sind hier noch höher geworden. Mauern trennen weiterhin unmittelbar benachbarte Wohngebiete voneinander. Anna Lena Bleier, die EIRENE-Freiwillige im Projekt „Forthspring“ in der Springfield Road berichtet uns, dass die Bewohner sich bei einer Befragung erst vor kurzem mehrheitlich dafür ausgesprochen haben, diese Trennmauern aufrecht zu erhalten, weil sie sich immer noch nicht sicher vor Übergriffen fühlen. Anna Lena betreut Schulkinder in einem sogenannten „After School Project“. Mit ihren nordirischen Kolleginnen holt sie die Kinder nachmittags ab, die einen ein paar hundert Meter weiter oben, die anderen ein paar hundert Meter weiter unten auf derselben Straße. Sie begleiten die vier- bis elfjährigen Kinder in eine ehemalige Kirche an der Springfield Road, wo sie Spiele miteinander machen. Das klingt alles sehr normal und friedlich, ist es aber nicht.

Denn diese Kinder würden sich ohne „Forthspring“ vermutlich nie treffen und kennenlernen. „Up the road“ befindet sich eine staatliche Schule, in die aber heute wie damals nur die protestantischen Kinder gehen. Von „down the road“ kommen die Kinder aus einer katholischen Schule nach Forthspring. Abends setzt sich das Konzept für die älteren Jugendlichen als Jugendtreff fort. Chris O’Halloran, der Projektleiter, bestätigt uns: 2016 ist das Schulsystem in Belfast immer noch weitgehend ein nach Konfessionen geteiltes. Er hat die Leiter der beiden Grundschulen, die nur wenige hundert Meter auseinander liegen, erst im vergangenen Jahr persönlich miteinander bekannt gemacht. Durch die Vermittlung des EIRENE-Projekts haben die Schulleiter zu ersten Mal den Fuß in die jeweils andere Schule gesetzt. Heute sind sie froh, sich zu kennen.

Noch ein langer Weg zum Frieden

Für uns ist diese Erkenntnis schockierend: 1986 hatten wir zusammen mit anderen internationalen Freiwilligen unsere Hoffnung in Lagan College gesetzt, eine Modellschule, in der Kinder unterschiedlicher Herkunft und Konfession unterrichtet wurden. 30 Jahre später müssen wir bei unserem Besuch in Belfast feststellen, dass gemeinsame Schulbildung als Weg zur Begegnung und dem Kennenlernen „der anderen Seite“ nach wie vor die große krasse Ausnahme in Belfast ist. Hier lassen sich offensichtlich nur sehr langsam Fortschritte erzielen.

Auf Suche nach der Einsatzstelle von damals

Ein Stück weiter oben in der Springfield Road suchen Marcus und ich sein ehemaliges Freiwilligenprojekt Farset Community Centre. Vor Ort finden wir neue Gebäude vor, eine Art Industriepark. Keine Spur von Farset. Ein Mann namens Jim spricht uns an, ob wir das Hostel suchen, das sei etwas weiter die Straße runter gelegen. Wir kommen ins Gespräch. Er arbeitet in dem vorderen Gebäude, es beherbergt den „Northern Ireland Youth Link“. Diese Einrichtung scheint von Farset abzustammen, denn Jim organisiert Workshops für Jugendliche. Das merkwürdige Gefühl, am richtigen Ort aber „im falschen Film“ zu sein, verstärkt sich, als wir etwas weiter oben rechts der Springfield Road eine gigantische Polizeianlage statt der „Peace Farm“ gegenüber des Wohngebiets Springmartin vorfinden. Einen ganzen Straßenzug lang ziehen sich die von Kameras überwachten Mauern, in deren Mitte ein Tor von gigantischen Ausmaßen thront. Hier können mühelos Panzer ein und ausfahren.


Nein, Belfast hat sich nicht nur zum Positiven weiter entwickelt. In West Belfast sind die Gräben breiter und die Mauern höher geworden. Eltern bringen ihren Kindern hier vielleicht nicht mehr bei, dass sie andere Kinder, die der „falschen Seite“, mit Steinen bewerfen sollen. Aber es fehlt weiterhin an Entwicklungsmöglichkeiten und Jobs für viele Jugendliche in diesem benachteiligten Teil von Belfast, und eine gemeinsame Schulbildung ist nach wie vor Utopie. Nachts lassen Marcus und ich den Blick auf das Lichtermeer im Tal schweifen, genießen die frische Seeluft. Wir fühlen uns nach wie vor verbunden mit diesem besonderen Ort und mit den Schicksalen seiner Bevölkerung, fühlen uns nah und fremd zugleich.

Als Freiwillige „from the continent“ waren Marcus und ich mitten in der Zeit der „Troubles“ privilegiert, weil wir unbefangen und vielleicht auch unbedarft auf die Probleme der miteinander verfeindeten Bevölkerungsgruppen blicken konnten, das Verbindende und nicht das Trennende
im Blick. Wir konnten aber auch jederzeit wieder zurückkehren in die Sicherheit unserer Heimatländer, hatten als junge Menschen die Zukunft vor uns – wie die heutigen EIRENE-Freiwilligen. Nachdenklich macht, dass viele Menschen, mit denen Anna Lena und andere Freiwillige heute – wie wir damals – eine Zeit lang ihr Leben teilen, diese privilegierte Chance von Ausbildung, Studium, Beruf nicht haben, deren wir damalige Freiwillige uns unbewusst immer sicher sein konnten.

Für Marcus und mich waren die Jahre in Belfast prägend für unser weiteres Leben. Wir haben uns erprobt, gelernt, Lebenserfahrung gesammelt und Freunde gefunden. Keine Minute möchte ich missen. – In den Abschiedsschmerz nach fünf Tagen Belfast mischt sich die Gewissheit: Ich komme wieder!

Dr. Manfred Hattendorf ist verheiratet und hat drei Kinder. Er leitet die für fiktionale Filme zuständige Abteilung Film und Planung beim Südwestrundfunk in Baden-Baden.

Marcus Winterbauer ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist freier Kameramann für Dokumentarfilme.

Friedensbrief-Newsletter

Melden Sie sich jetzt für den EIRENE Friedensbrief an und Sie erhalten 4 Mal im Jahr spannende Einblicke in unsere Friedensarbeit

Zur Newsletter-Anmeldung