Nordirland: Ist unsere Friedensarbeit effektiv?

Peaceline in Belfast. Foto: Marcus Winterbauer

Seit dem Karfreitagabkommen 1998 ist der Nordirlandkonflikt abgekühlt, doch noch immer gibt es Folgen des Konfliktes in der Gesellschaft. Die EIRENE-Partnerorganisation Corrymeela, meine ehemalige Einsatzstelle, leistet Friedens- und Versöhnungsarbeit. Jedoch frage ich mich teilweise, ob diese ausreichend ist. In Anbetracht der gewaltvollen Ausschreitungen in Belfast vergangene Woche wird deutlich, dass durch die Folgen des Brexit wieder Spannungen entstehen können – eine vollständige Aufarbeitung des Konflikts hat noch nicht stattgefunden.

Friedensarbeit – klingt doch sehr sinnvoll. Wir als Freiwillige tragen dazu bei, mit unserem Dienst Frieden in der Welt zu fördern. Aber ist das wirklich so einfach? Was genau bedeutet Friedensdienst eigentlich? Die Einsatzstelle meines EIRENE-Freiwilligendienstes 2019/20 war Corrymeela, ein Zentrum für Friedens- und Versöhnungsarbeit, welches auf einem Hügel direkt an der Nordküste Nordirlands liegt. Dort habe ich mit 15 weiteren internationalen Freiwilligen gelebt. Wir haben mit Kinder- und Jugendgruppen gearbeitet, die für mehrere Tage in das Center kamen. Die Folgen des Nordirlandkonflikts sind auch heute noch sichtbar, beispielsweise sind noch immer über drei Viertel der Schulen des Landes nach protestantischer und katholischer Konfession getrennt. In Corrymeela haben wir viele Spiele und Workshops gemacht, um Schüler_innen zusammenzubringen und somit boundaries zu überwinden. Mit Gruppen von älteren Teilnehmer_innen konnten wir auch differenzierter über den Konflikt sprechen und die Geschichte ein Stück weit aufarbeiten. Nach einigen Monaten meines Freiwilligendienstes kamen bei mir jedoch Zweifel und Fragen auf. Die Gruppen sind für zwei bis fünf Tage in Corrymeela und ein Kontakt zu den Gruppen für Vor- und Nachbereitung besteht in den wenigsten Fällen. Kann ein so kurzer Zeitraum tatsächlich ausreichend sein, um solch einen tief verwurzelten Konflikt aufzuarbeiten? Können wir auf diese Weise gute präventive Arbeit leisten? Woher wissen wir denn überhaupt, ob unsere Arbeit mit den Jugendlichen einen Unterschied macht und tatsächlich einen positiven Effekt hat?

Große Aufgaben, kleine Budgets

Es ist schwierig, diese Fragen zu beantworten. Ich habe meine Gedanken auch mit meinen Kolleg_innen besprochen. „Das Budget reicht häufig leider nicht für einen längeren Aufenthalt und für Vor- und Nachbereitung“ war dann die Begründung. Einzelne Begegnungen und Gespräche haben mir aber geholfen, den Corrymeela magic, von dem einige Besucher_innen erzählten, besser zu verstehen. Eine sehr besondere Erfahrung mit einer Jugendgruppe beschreibt diesen ganz gut. In einer Abschlussrunde nach dem mehrtätigen Aufenthalt einer Gruppe im Center wurden Erfahrungen und Gedanken über die Zeit hier geteilt. „Ich habe mich in den vergangenen paar Jahren nie wirklich dazugehörig und wohl gefühlt. Häufig hatte ich Selbstzweifel bis hin zu Suizidgedanken. Während der Zeit in Corrymeela war ich das erste Mal wieder glücklich und hatte das Gefühl, Teil dieser Gruppe zu sein“, erzählte ein Kind. Mir wurde dann klar, dass es nicht unbedingt darum gehen muss, Einstellungen innerhalb weniger Tage zu ändern und viel Wissen zu vermitteln. Vielmehr geht es darum, Menschen einen safe space zu geben, in dem sie stets willkommen sind. Corrymeela arbeitet schon seit vielen Jahren mit einer integrativen Schule in Belfast zusammen und jedes Jahr dürfen die jüngsten Klassen der Sekun-darstufe nach Corrymeela kommen. Das Besondere an dieser Zusammenarbeit ist, dass wir bereits vorher mehrmals in die Klassen gegangen sind, um die Schüler_innen kennenzulernen und ihnen Corrymeela vorzustellen. Zudem sind wir auch nach deren Aufenthalt in Corrymeela in die Schule gegangen, um mit den Kindern über ihre Zeit bei uns zu sprechen. Wir wollten wissen, ob sie ihre Erfahrungen auch auf den Schulalltag übertragen konnten. Ich hatte das Gefühl, eine bessere Beziehung zu den Kindern aufbauen zu können und mir hat es sehr geholfen, auch im Nachhinein zu hören, was die Kinder aus dieser Erfahrung mitnehmen.

Ist das genug?

Ich denke, es gibt weiterhin Verbesserungsmöglichkeiten in Bezug auf Friedensarbeit und es ist wichtig, diese zu erkennen und umzusetzen. Nichts desto trotz findet jetzt schon wichtige und qualitative Friedensarbeit statt. In Corrymeela habe ich gesehen, wie wir unseren Teilnehmer_innen einen safe space geboten haben. Ob diese Erfahrung alleine reicht, die Menschen nachhaltig zu motivieren, sich für eine friedlichere Gesellschaft einzusetzen, kann ich nicht eindeutig feststellen.

von Johanna Steinwandel, Freiwillige bei Corrymeela Community 2019/2020

Heute ist es umso wichtiger, dass die ökumenische Friedensorganisation EIRENE das verkörpert, wofür die Friedensgöttin EIRENE 400 vor Christus stand: für einen Frieden als Basis von Wohlstand für alle; als Grundlage einer gerechten Gesellschaft; als Gegenmodell zu einer hochmilitarisierten Welt.
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Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
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EIRENE gibt jungen Menschen Gelegenheit - ich wähle Worte von Papst Franziskus - , "Beschützer und nicht Räuber der Welt zu werden, Schönheit zu säen..., zu erkennen, dass wir zutiefst mit allen Geschöpfen verbunden sind auf dem Weg in Gottes unendliches Licht".
Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
Nachdem unsere Tochter als EIRENE-Freiwillige in Uganda war, war es wunderschön im Jahr darauf eine junge Frau aus Uganda in unsere Familie aufzunehmen. Das war sehr bereichernd für unsere Familie. Denn gegenseitiges Verständnis braucht Begegnungen!
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