Schwarzweißfotografie - Gedanken zum Weltfrauentag

Protestmarsch am Weltfrauentag 2017 der EIRENE-Partnerorganisation SVH im Kongo.

Meine Großmutter ist seit mehr als 10 Jahren nur noch eine Schwarzweißfotografie. Man findet ihren Namen in keinem Lexikon prominenter Personen oder in der Enzyklopädie der Mächtigen. Sie war eine starke Frau, so stark wie eine Frau vom Balkan nur sein kann. Sie gebar und erzog nicht nur ihre Kinder, sie überlebt all die Bitterkeiten des Lebens und den Horror des Krieges, und als sie von uns ging, tat sie es mit einem Lächeln auf den Lippen.

Eigentlich weiß ich nicht viel über ihr Leben, außer dass sie jeder Zeit bereit war sich all dem Übel dieser Welt zu stellen. Sie starb an Krebs, einem Gehirntumor.

Sie liebte meinen Großvater, und er tat es wahrscheinlich ebenso, auf seine Art, geprägt durch all das Chaos in seinem Leben. Eines Tages hatte er vergessen wie die Frau aussah, in die er sich damals verliebte. Das war wahrscheinlich drei Monate nach dem Tod meiner Großmutter, an dem Tag an dem er eine neue Frau mit zu dem Haus brachte, das er zusammen mit meiner Großmutter gebaut hatte.

Ich möchte nicht nur über meine Familie schreiben, viel mehr möchte ich Euch von den vielen großen Frauen berichten, die ihr nicht auf Wikipedia findet. Wichtiger als über die Situation von Frauen in Bosnien zu reflektieren, man würde sowieso nur mit dem Kopf gegen die immer gleiche Wand stoßen, ist es ihre Erfolge und große Taten zu würdigen. Ich kenne so viele faszinierende Frauen, deren Leben niemals in der Zeitung porträtiert wurde. Sie retten Leben jeden Tag, in Krankenhäusern, wenn sie Organe so leicht wie Flipperkugeln bewegen, oder in der Altenpflege, wenn sie Ausscheidungen beseitigen, als sei es der schönste Job der Welt. Frauen, die erfolgreiche Unternehmen führen, an prestigeträchtigen Universitäten graduieren und sich in einer Welt behaupten, die geprägt ist von chauvinistischen Normen, in der die Leistung einer Frau besser sein muss als die eines Mannes, um Anerkennung zu finden.

Zur gleichen Zeit, genau jetzt, stehen viele Frauen an den Fließbändern bosnischer Schuhfabriken, an endlosen Bändern, deren Summen das einzige Geräusch ist, das sie den ganzen Tag hören werden. Manchmal warten sie sechs Monate auf ihren Lohn. In der Nachtschicht kann man ihr Seufzen hören, wenn sie im Kopf ausrechnen wie viel Geld ihnen noch fehlt, um diesen Monat mit ihren Kindern über die Runden zu kommen. Manche dieser zweifelsohne starken Frauen sind bloße Nummern in der Buchhaltung von ausbeuterischen Firmen.

Andere Frauen warten vor den Arbeitsämtern Bosniens, tragen Transparente, um auf ihre Belange aufmerksam zu machen, oder leiden unter Krankheiten ohne Aussicht auf Heilung, da sie sich nicht die Behandlung leisten können, die sie bräuchten. Wieder andere suchen bis heute ihre Kinder und Ehemänner, die der Krieg ihnen fortgerissen hat.

Eine Mutter in Bosnien hat in meinen Augen ihre Träume aufgegeben, sich selbst vergeben für die Wünsche und Ziele, die sie einst hatte. Anstatt in einer Firma arbeitet sie als Schutzengel inmitten dem wohl schwierigsten Geschäft überhaupt, der Familie. Eine Mutter als Heldin, behandelt wie ein Fußabtreter. In ihrer frommen Art fragt sie nach keiner Gegenleistung, sie trägt ihr Leben leicht und lachend, ein Leben in der die wichtigste Frage ihres Ehemanns an Sonntagen ist, was es zu Essen gibt. Manche der stärksten Frauen in Bosnien sterben in kaltem patriarchalem Schweigen.

Der 8. März meiner Kindheit riecht nach den sorgsam gebundenen Blumen für meine Lehrerin Fatima , ich höre noch immer das Zellophan rascheln, das ich in liebevoller Arbeit meiner Kinderhände um die Blumen gewickelt hatte. Solche Erinnerungen zeigen wie wichtig diese Person für mich gewesen ist. Und wie wichtig dieser Tag für mich war. Heute legen Kinder Reißzwecken auf die Stühle der Lehrer_innen, stechen ihre Reifen auf und bedrohen sie manchmal mit Pistolen. Die Nachbarn sagen: „Sie macht nichts, sie geht bloß mit den Kindern zur Schule und ist abends wieder früh zu Hause.“

Einmal am 8. März hat mir mein Vater ein Buch über wichtige Frauen der Zeitgeschichte geschenkt. Sie haben mir gezeigt, dass ich alles erreichen kann, alle kleinen und großen Ziele im Leben.

Heute bedeutet der 8. März in Bosnien für viele Mädchen lediglich die Reservierung in einem schicken Restaurant, mit anschließendem Facebook-Post inklusive. Der 8. März ist ein Tag wie Valentinstag, Weihnachten, Geburtstag und all die anderen Turbotage an denen Frau ihre Social Media-Timeline mit Posts füllen kann. Er sollte ein Tag sein, an dem Frauen reflektieren und sich ihrer Ziele bewusst werden. Der Tag inspiriert nicht Ziele zu setzen, die eigenen Fähigkeiten zu testen, Abenteuer zu erleben, die einen wachsen lassen, sozial und spirituell. Bosnische Mädchen, die was drauf haben, bleiben in ihrer gruseligen Realität hängen, sie bleiben unscharf. Sie zucken mit den Achseln. Ihnen ist es egal, welche Kämpfe die Frauen vor ihnen gefochten haben, damit sie die Möglichkeiten von heute haben.

Das war nicht die Idee von Clara Zetkin, der prägenden Initiatorin des Weltfrauentags.

Ich will schreien: „Wir brauchen keine Tulpen, wir brauchen eine Revolution, wir wollen Arbeit. Wir brauchen keine Sonderangebote für Make-up, wir sind schon schön und nett. Wir wollen gleiche Rechte, das gleiche Gehalt für die gleiche Arbeit. Deinem Arbeitgeber muss es egal sein, wenn du eines Tages ein Kind willst. Denn wenn du es willst, ist es deine Entscheidung, dein Körper. Du bist kein Objekt für ihre dreckigen Gedanken, du bist ein Individuum, mit Gefühlen, mit Gehirn und Herz. Bitte sag etwas… Ich werde nicht aufgeben.“

Rette dich selbst, rette all die anderen Frauen und die Mädchen, die eines Tages Frauen sein werden. Ich wünsche Euch einen glücklichen 8. März, all Euch tollen, großen und unvergleichbaren Frauen. Eines Tages werdet auch Ihr eine Schwarzweißfotografie sein und jemand wird Euch sehr vermissen.

Edina Gerzić macht derzeit einen Freiwilligendienst im EIRENE-Haus. Sie war Internationale Freiwillige im Jahrgang 2017/2018 im Heinrich-Haus in Neuwied. Sie hat Bosnische Literatur studiert und ist Autorin des Buches "Alles, was ich dir nicht gesagt habe."

EIRENE gibt jungen Menschen Gelegenheit - ich wähle Worte von Papst Franziskus - , "Beschützer und nicht Räuber der Welt zu werden, Schönheit zu säen..., zu erkennen, dass wir zutiefst mit allen Geschöpfen verbunden sind auf dem Weg in Gottes unendliches Licht".
Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
Heute ist es umso wichtiger, dass die ökumenische Friedensorganisation EIRENE das verkörpert, wofür die Friedensgöttin EIRENE 400 vor Christus stand: für einen Frieden als Basis von Wohlstand für alle; als Grundlage einer gerechten Gesellschaft; als Gegenmodell zu einer hochmilitarisierten Welt.
Wolfgang Kessler, 20 Jahre Chefredakteur von Publik-Forum, heute freier Publizist
Nachdem unsere Tochter als EIRENE-Freiwillige in Uganda war, war es wunderschön im Jahr darauf eine junge Frau aus Uganda in unsere Familie aufzunehmen. Das war sehr bereichernd für unsere Familie. Denn gegenseitiges Verständnis braucht Begegnungen!
Christiane Bals, Lehrerin
Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
Tobias Schwab, Journalist
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