Schweigen ist Silber, Reden ist Gold!

Beim Forum Theater findet ein intensiver Austausch zwischen den Schauspieler_innen und dem Publikum statt. Foto: Claus Schrowange

Seit 2015 steckt Burundi in einer tiefen politischen Krise. In Zeiten zunehmender Repression nutzt der EIRENE-Partner Maison de la Presse den verbleibenden Spielraum, um Dialog zu sensiblen Themen zu fördern. Interaktive Radiodebatten und Forum-Theater kommen dabei zum Einsatz, sowie eins-zu-eins Begegnungen von Journalist_innen unterschiedlicher politischer Auffassungen.

„Von einer Seite die Steine, von der anderen die Kugeln. Schreie überall. Unser Kameramann und ich mittendrin. Ein Polizist schlug auf mich ein und schrie, ich solle verschwinden.“ Betrand Ngendakuriyo hat Tränen in den Augen. Er wirft einen letzten, langen Blick auf seine Zeichnung an der Wand und erzählt weiter: „Noch am selben Abend habe ich mein Hab und Gut in das Auto eines Kollegen gepackt. Zu viert sind wir nach Ruanda abgehauen.“

Wir sind in Entebbe, Uganda, wenige Meter vom idyllischen Ufer des Viktoriasees entfernt. Ein gemeinsam mit der Deutschen Welle Akademie organisiertes Treffen burundischer Journalist_innen, deren Wege von der politischen Krise getrennt worden sind. Die Hälfte der Gruppe lebt im Exil in Kigali, die andere übt ihre Profession in Burundi aus. Den ganzen Vormittag haben sie durch Kunst ihre eigenen Traumata aufgearbeitet, Kurzgeschichten geschrieben, Lieder komponiert, Gedichte verfasst, Bilder gemalt. Es ist therapeutisch und regt den Austausch an. Was ist wirklich passiert in den tragischen Wochen im April und Mai 2015? Was hätten sie anders machen können? Wie geht es weiter?

In intensiven, stundenlangen Diskussionen analysieren sie den Burundikonflikt und ihre eigene Situation. Es kommt zu Konfrontationen. Der Graben zwischen den beiden Gruppen ist tief. Die Krise hat die einst vereinte Gemeinschaft burundischer Journalist_innen gespalten. Exiljournalist_innen werden als „Rebellen, Unruhestifter, Profiteure“ gebrandmarkt. Wilde Gerüchte zirkulieren, wonach sie hohe Gehälter und Zuschüsse von internationalen Menschenrechtsorganisationen erhalten, während ihre zurückgebliebenen Kolleg_innen von der Hand in den Mund leben. Auf der anderen Seite werden diejenigen, die im Land geblieben sind und sich „anpassen“, als „Verräter, Handlanger der Regierung und Ehrlose“ geächtet.

Die Nähe und der Austausch an einem neutralen Ort brechen das Eis. Eine Brücke zum Exil wurde gebaut, noch wackelt sie gehörig, aber sie steht. Zurück in Burundi, in der Stadt Gitega. „Eher lernt ein Elefant fliegen, als dass jemand Arbeit findet, der nicht der Regierungspartei angehört“, schimpft die junge Schauspielerin wutentbrannt von der Bühne. „Recht hat sie!“ kommt eine spontane Reaktion aus dem Publikum.

Schauspieler_innen und das Publikum tauschen sich zur politischen Krise aus und sammeln Meinungen. Gewalterfahrungen werden geteilt, gemeinsam Wege aus der Sackgasse gesucht. Einige Szenen werden wiederholt, Zuschauer_innen kommen auf die Bühne, versuchen Verhalten und Einstellungen der dargestellten Charaktere zu verändern. Wandel ist machbar!

Wir nutzen Forum-Theater als „alternatives Medium“, gemeinsam mit der katholischen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden und der Jugendorganisation CHIRO Burundi. Insbesondere in abgelegenen, ländlichen Gebieten trifft die Methode auf große Resonanz. Kritisches Denken wird gefördert und der verarmten Landbevölkerung eine Stimme verliehen. Die zweistündigen Veranstaltungen werden von lokalen Radiojournalist_innen aufgenommen und in späteren Sendungen verwendet.

Mwaro, zwei Autostunden von Gitega entfernt. Im engen, schwülen Konferenzraum drängen sich 30 Personen, vom Provinzgouverneur bis zum Landbauern. „Zeigt uns, wie man fischt, statt uns Fisch zu geben! Wir wollen nicht ewig von eurer Großzügigkeit abhängen“. Damas Makanishi spricht langsam und zögerlich in das Mikrophon. Die eingefallenen Wangenkochen und der leere Blick zeugen vom alltäglichen Überlebenskampf. Er ist Vertreter der Volksgruppe der Batwa. Die marginalisierte Minderheit zählt zu den Ärmsten unter den Armen. Zwei Stunden lang werden Meinungen geteilt, Informationen verbreitet, Ideen generiert. Nichtregierungsorganisationen kommen zu Wort, Geistliche, Regierungsbeauftragte, Juristen. Die Debatte schwenkt zu Landkonflikten, zu Batwa, die ihres Lebensraumes beraubt worden sind. Hörer_innen aus zwei Provinzen werden zugeschaltet. Nicht alle Beiträge sind den Batwa wohlgesinnt. „Die Lösung liegt auf der Hand – jeder von uns, der ausreichend Land besitzt, kann eine kleine Parzelle den Batwa überlassen; genau das ist afrikanische Solidarität!“ Sévérin Ndabemeye, Lehrer am Gymnasium in Mwaro, provoziert mit seiner Bemerkung. Der Moderator von Radio Isanganiro muss eingreifen und die Gemüter beruhigen. Auch das gehört zur Dialogförderung dazu: unterschiedliche Meinungen äußern können und sich darüber austauschen. Am Ende überwiegt die konstruktive, positive Dynamik. Handlungsoptionen werden sichtbar, die Diskriminierung der Batwa einzudämmen. Eine gelungene Live-Debatte. Damas Makanishi hat heute Gehör gefunden und damit den 30.000 bis 40.000 Batwa, die in Burundi leben, eine Stimme gegeben.

Anaclet Hakizimana und Claus Schrowange arbeiten gemeinsam im Projekt „Medien und Frieden“ von Maison de la Presse und EIRENE in Bujumbura/Burundi.

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