Sorgende Solidarität mit den Istanbul10

Peter Steudtner und Magdalena Freudenschuss

Der Fall der Istanbul10 zeigte, was passiert, wenn zivilgesellschaftliche Handlungsspielräume schrumpfen. Er setzte drinnen im Knast wie auch draußen in der Solidaritätsarbeit und im Krisenmanagement die Auseinandersetzung mit „Shrinking Spaces“ – also schrumpfenden Handlungsspielräume – für Menschenrechtsarbeit auf unsere persönliche Agenda. Wir möchten hier einige Beobachtungen aufgreifen, die an die Debatte um Shrinking Spaces anschließen.

Von Magdalena Freudenschuss und Peter Steudtner

Magdalena: In Deutschland standst Du von den Istanbul10 besonders im Fokus. Diese Sichtbarkeit war geknüpft an Deine Staatsbürgerschaft. Auch für die Menschen im Kontext gewaltfreien Engagements rückte das Thema Shrinking Spaces mit Eurem Fall in greifbare, fühlbare Nähe. Dem Thema tut diese Aufmerksamkeit sicher gut, nicht zuletzt durch die emotionale Berührtheit und die politische Kollektivität, die daraus entstand. Gleichzeitig passierte hier genau das, was in der Debatte um Shrinking Spaces immer wieder kritisch thematisiert wird: Wer einen mit Privilegien beladenen Pass hat, wird gehört und gesehen, wer nicht, dessen Erfahrungen bleiben nur allzu oft unsichtbar, auch hier in Deutschland.

Peter: Für mich ist eine Auswirkung von Repression gegenüber uns Istanbul 10 deutlich spürbar: Bei allen meinen Medienauftritten, sei es zur Freilassung von Deniz Yücel oder zu unserer eigenen Situation, lege ich meine Aussagen auf die Goldwaage, um unseren Fall und unsere Sicherheit nicht zu gefährden. Oder anders formuliert: Der Do-No-Harm-Ansatz des Arbeitens in Konfliktkontexten, bei dem es darum geht, mit seinem Handeln keinen Schaden anzurichten, bekommt hier eine völlig neue Relevanz. Welche Botschaften sende ich mit welchen Formulierungen oder Aktivitäten? Könnten meine Worte Schaden für die anderen acht anrichten? Der Raum des Sagbaren ist geschrumpft.

Magdalena: Im Krisenteam bemerkten wir schnell eine Dynamik der Selbsteinschränkung. Do-No-Harm Reflexionen und andere Konfliktanalyseinstrumente waren oft der strukturierte Weg, um strategische Entscheidungen abzuwägen. Letztendlich spielte aber die Angst und die Sorge, um mögliche negative Konsequenzen unseres Tuns eine zentrale Rolle. Sie bremste uns, ließ uns als Familien oft genug andere in ihren aktivistischen Ideen bremsen. Ob die Angst hier immer eine gute Beraterin war, da bin ich mir auch im Nachhinein unsicher. In diesen Situationen habe ich an den eigenen Emotionen erlebt, was Shrinking Spaces (das Schrumpfen von Handlungsspielräumen) bedeuten können: Das gewohnte Aktionsrepertoire von gewaltfreiem Protest und Widerstand schien in dieser Situation immer wieder auch als Risiko für die Inhaftierten, für Euch. Für einen abwägenden Umgang mit dieser Angst können wir von den türkischen Menschenrechtsverteidiger_innen in Bezug auf Analyse und Mut nur lernen.

Peter: Ein weiterer kritischer Punkt im Kontext der Debatte um Shrinking Spaces liegt in der Frage nach der Quelle von Repression. Die deutsche Öffentlichkeit kümmerte und kümmert sich gerne um die Anderen. Im Fall der Istanbul10 ging und geht es natürlich um die Repressionspolitik des türkischen Staates. Aber wir müssen auch über die Waffenexporte Deutschlands reden, über die wirtschaftlichen und politischen Kalküle, die hinter dieser Ebene deutsch-türkischer Beziehungen stehen und die ihren Teil zu den schrumpfenden Räumen für
Menschenrechtsaktivist_innen in der Türkei (und anderswo) beitragen.

Magdalena: In dieser persönlichen Krisensituation haben wir aber auch erfahren, dass sich Handlungsspielräume von Menschenrechtsverteidiger_innen erweitern lassen: auf Ebene der Sorge für sich und umeinander. Im täglichen Krisenmanagement spielte das eine wichtige Rolle: die Frage, wie es uns selbst geht, was wir für uns stärkend Gutes tun können. Auch die Frage, wie wir in Solidarität mit denen sein können, die in der Türkei um Euch und die anderen Familien herum waren. In sorgender, aufmerksamer Verbindung zu sein, die über den Informationsaustausch hinausging, war für uns alle eine Kraftquelle.

Peter: Mich hat die Solidarität von innen und außen die 113 Tage getragen. Sie war für mich direkt spürbar. Als ich von meinen Anwält_innen während der wöchentlichen Besuche und von Dir während der zweiwöchentlichen zehnminütigen Telefonate von den vielfältigen
Solidaritätsaktionen erfuhr, überraschte und berührte mich das sehr, gab mir Kraft und die Zuversicht, die beständige Ungewissheit aushalten zu können. Dies ist mir daraus eine wichtige – wenn auch in keiner Weise neue – Erkenntnis: Die Magie der Solidarität (Doğan Akhanlı) ist spürbar und nicht aufzuhalten.

 

Peter Steudtner (*1971) arbeitet als Trainer für Holistic Security (ganzheitliche Sicherheit) für Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist_innen sowie für gewaltfreie Konfliktbearbeitung (KURVE Wustrow, gewaltfrei handeln). Daneben ist er als Dokumentarfilmer und -fotograf tätig.

Magdalena Freudenschuss (*1980) ist Soziologin und Trainerin in der politischen Bildungsarbeit. Sie arbeitet als Bildungsreferentin für Globales Lernen. Als Lebenspartnerin von Peter Steudtner koordinierte sie gemeinsam mit Kolleg_innen der KURVE Wustrow und des Holistic Security Teams Solidaritätsaktionen und betrieb Krisenmanagement für die Isbanbul10.

#Istanbul10

Am 5.Juli 2017 wurden zehn Menschenrechtler_innen festgenommen, die in der Nähe von Istanbul an einer Fortbildung der türkischen Menschenrechtsplattform IHOP teilnahmen. Unter ihnen waren acht türkische Menschrechtler_innen sowie der Deutsche Peter Steudtner und der Schwede Ali Gharavi. Gegen sie wurden völlig abwegige Anklagen wegen Unterstützung und Mitgliedschaft in bewaffneten terroristischen Organisationen erhoben. Nach massiven internationalen Protesten kamen die zehn Ende Oktober 2017 frei, doch das Verfahren gegen sie läuft weiter. Dies ist besonders für die noch im Land befindlichen türkischen Menschenrechtler_innen bedrohlich.

Weitere Informationen unter:
www.freeistanbul10.info

Nachdem unsere Tochter als EIRENE-Freiwillige in Uganda war, war es wunderschön im Jahr darauf eine junge Frau aus Uganda in unsere Familie aufzunehmen. Das war sehr bereichernd für unsere Familie. Denn gegenseitiges Verständnis braucht Begegnungen!
Christiane Bals, Lehrerin
Heute ist es umso wichtiger, dass die ökumenische Friedensorganisation EIRENE das verkörpert, wofür die Friedensgöttin EIRENE 400 vor Christus stand: für einen Frieden als Basis von Wohlstand für alle; als Grundlage einer gerechten Gesellschaft; als Gegenmodell zu einer hochmilitarisierten Welt.
Wolfgang Kessler, 20 Jahre Chefredakteur von Publik-Forum, heute freier Publizist
EIRENE gibt jungen Menschen Gelegenheit - ich wähle Worte von Papst Franziskus - , "Beschützer und nicht Räuber der Welt zu werden, Schönheit zu säen..., zu erkennen, dass wir zutiefst mit allen Geschöpfen verbunden sind auf dem Weg in Gottes unendliches Licht".
Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
Tobias Schwab, Journalist
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