Was es bedeutet, „der Andere“ zu sein

Anlässlich des Todes des Afroamerikaners George Floyd und der daraus entstanden globalen Protestwelle #BlackLiveMatters, ein Kommentar von Dr. Carmen Ibáñez, Ombudsperson bei EIRENE.


Wer sind die "Anderen"?

Es ist unerträglich, dass wir heute noch Kategorien wie Schwarz oder Weiß verwenden, wo sind die „ohne Farbe“? Denn obwohl wir diese Kategorien nicht mögen, wissen wir alle, dass wir sie brauchen – allein um Rassismus benennen zu können. Schwarz oder Weiß sind vor allem Kategorien, die sozial konstruiert sind. Wenn wir „weißer Junge“ oder „schwarze Frau“ hören, hat dies unmittelbare Auswirkungen darauf, wie sich jeder von uns eine Szene vorstellt.

Knien reicht nicht aus

Als Geste der Solidarität mit unserem Bruder George Floyd und als Geste der Ablehnung von Rassismus auf dem Boden zu knien ist wichtig, aber es reicht nicht aus, um das Problem zu lösen. In Deutschland haben wir gerade erst begonnen, das Thema aus einer selbstkritischen Perspektive zu analysieren. Deutscher Rassismus ist nicht derselbe wie französischer Rassismus oder US-amerikanischer Rassismus, weil die historische Konstruktion des Andersseins anders ist und vor allem, weil es völlig normalisierte rassistische Einstellungen gibt, die wir nur mit den Augen anderer sehen.

Wie oft haben wir uns zu Rassismus geäußert und die Antwort lautete – „Na ja, das stimmt… aber… schau dir die Lage in Frankreich an.“  oder „Ja das ist schlimm, aber hast du gesehen, was in Spanien passiert?“.

Auch in Deutschland gab es furchtbare Fälle von Polizeigewalt – man muss dazu sagen: „mutmaßliche“ Fälle, denn wenn keine Handykamera dabei ist, halten die Täter zusammen und eine Aufklärung oder gar eine Verurteilung ist praktisch unmöglich. Trotzdem hat erst der Tod von George Floyd in den USA auch in Deutschland größere Proteste ausgelöst.

Polizeigewalt, ein reales Problem

Wenn ich von Polizeigewalt in Deutschland spreche, höre ich schon den Einwand: „Aber nicht alle Polizisten sind Rassisten oder wenden willkürlich Gewalt an.“ Sicherlich. Aber es geht darum, ein Problem zu benennen, das existiert, auch wenn es nicht auf jeden Polizisten zutrifft. Auch bei rassistischen Gewalttaten in deutschen Städten gab es oft die Forderung, doch lieber über diejenigen zu berichten, die keine Rassisten seien – aber das Problem zu leugnen und nur die schönen Seiten zu zeigen, führt nicht weiter und ist für die Opfer unerträglich! Die Gewalt der Polizei gegenüber dem Anderen in Frage zu stellen, bedeutet auch, strukturellen Rassismus und alltäglichen Rassismus in Frage zu stellen, der in kleinen Dosierungen kommt und so fein konstruiert ist, dass es schwieriger ist, ihn zu melden oder anzuprangern.

Wo ist Gott nicht weiß?

Dass das Grundgesetz Diskriminierung verbietet, bedeutet leider nicht, dass diese verschwindet. Wie sieht es zum Beispiel mit der „Legalität“ von Hunderttausenden von Menschen in diesem geografischen Gebiet aus, das wir Deutschland nennen? Wo sind die nicht weißen Entscheidungsträger? Wo sind die nicht weißen Politiker? Wo sind die nicht weißen Universitätsprofessoren? Wo sind die nicht weißen Manager? Wo ist Gott nicht weiß?

Wir sind langsam

Wir sind langsam mit dem Thema Rassismus in Deutschland. Ihn überhaupt als Problem zu benennen, passiert erst in jüngster Zeit und sehr zögerlich – lieber wurden Begriffe wie „Fremdenfeindlichkeit“ oder „Ausländerfeindlichkeit“ verwendet, selbst wenn der „Fremde“ schon lange in Deutschland lebte oder der „Ausländer“ einen deutschen Pass hatte. Noch langsamer sind wir dabei, eine selbstkritische Perspektive zum Rassismus zu entwickeln und nicht nur die extremsten Formen physischer Gewalt als Rassismus zu betrachten.

Wir müssen anfangen, unseren eigenen „Splitter im Auge“ zu sehen. Wie im Spiegel kultureller und medialer Repräsentationen die „anderen“ immer noch unsichtbar sind, so haben sozial weiße Menschen immer noch mehr Privilegien und auch größere Chancen, kein Opfer von Polizeigewalt zu werden.

Ein rassismuskritischer Veränderungsprozess

Bei EIRENE haben wir vor vier Jahren unseren rassismuskritischen Veränderungsprozess (RKVP) als selbstkritischen Prozess begonnen, und wir wissen aus eigener Erfahrung, dass der Weg lang, schmerzhaft und kompliziert ist. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, um zu lernen und über Rassismus nachzudenken, aber der Prozess hat begonnen und wir laden alle, die sich uns anschließen möchten, ein, ihn mit uns zu gehen. Es ist kein einfacher Weg, aber er ist dringend notwendig.

Erfahrt mehr über unsere Arbeit zu Anti-Rassismus.

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Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
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