Zivile Konfliktbearbeitung mit Geflüchteten

Für Susan Hermenau ist das Gespäch mit den Geflüchteten wichtig. Nur so kann sie auf die Bedürfnisse der Bewohner_innen eingehen und Konflikte vermeiden. Foto: PRISOD

Frau Konstantinovic kann vor Erregung kaum sprechen. Ihr ist großes Unrecht geschehen, sie ist das Opfer einer Verrückten geworden, die ihr das Leben zur Hölle machen will. Man sollte die Polizei rufen, man sollte diese Verrückte mit Handschellen abführen, man sollte… „Was ist denn eigentlich genau passiert, Frau Konstantinovic?“

Ich schließe die Tür zu meinem Büro und biete der 35jährigen einen Stuhl und ein Glas Wasser an. Sie setzt sich, trinkt einen Schluck. Die Ruhe innerhalb der vier Wände beruhigt sie etwas, auf dem Flur kreischen die Kinder. „Ich habe gebacken. Baklava. Mit dem letzten Geld. Weil mein Sohn Geburtstag hat.“ Sie sucht nach Worten, kommt nicht weiter und flucht auf Serbisch.

Seit zwei Jahren leite ich eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge und Asylbewerber. Mehr als 250 Bewohner und ein Team aus drei Sozialarbeitern, einer Verwaltungskraft, zwei Kinderbetreuerinnen, einem Hausmeister, einem Wachmann und zwei Reinigungskräften nennen mich „Chefitza“ und erwarten Lösungen für ihre Konflikte. An manchen Tagen rauscht mir abends der Kopf, weil sich die Energien der Streithähne in mich hineinfressen und ich diese nicht abzuschütteln weiß. Aber zurück zu Frau Kontstantinovic: Ihr Sohn hat Geburtstag und sie wollte ihm süßes Gebäck schenken.

„Ich ging kurz aus der Küche, damit Baklava kalt werden kann. Als ich zurück kam, war alles voller Pril. Alles grün. Das war diese Hexe!“ Sie flucht und schaut mich an, als sei es nun an mir, ein Todesurteil für die „Hexe“ auszusprechen. Jemand hat ihr Gebäck mit ungenießbarem  Spülmittel verdorben, aber auch die Freude auf den Geburtstag. Sie wurde gedemütigt, doch warum? „Frau Konstantinovic, es sieht so aus, als wollte jemand Ihre Gefühle verletzen. Wer könnte das sein?“ Sie schaut mich an, als würde ich auf der Leitung stehen. „Dusica! Aus Zimmer 203!“ Ich schaue auf den Belegungsplan: Dusica wohnt direkt gegenüber von Frau Konstantinovic, hat eine Tochter und stammt auch aus Serbien – Sprachbarrieren können es also nicht sein, die zum Konflikt zwischen den beiden Frauen geführt haben. Vielleicht irgendetwas mit den Kindern? Ich muss an das Eisbergmodell der Konfliktanalyse denken. Das Spülmittel-Baklavagebäck schwimmt weithin sichtbar auf der Wasseroberfläche, doch was verbirgt sich unter Wasser?

Der Wachmann zitiert die beschuldigte Dusica in mein Büro. Als sich die beiden Frauen gegenüber sitzen, frage ich nicht nach dem Gebäck oder dem Spülmittel. Ich will nicht wissen, wer wann in der Küche war, wer welches Spülmittel verwendet, verfolge keine Spuren, verwickle niemanden in widersprüchliche Zeugenaussagen und drohe auch nicht mit Sanktionen – denn all diese Maßnahmen ändern nichts am Eisberg. Die eine würde es abstreiten, die andere darüber in Rage geraten. Meine Fragen drehen sich vielmehr um die Beziehung der beiden Frauen: Wie habt ihr euch kennengelernt? Ihr seid direkte Nachbarinnen, helft ihr euch manchmal? Anfangs hagelt es Anschuldigungen: „Du bist eine Hexe, du wolltest mich vergiften!“, doch ich begleite jeden Satz: „Frau Konstantinovic ist wütend, weil Sie ihr weh tun wollten.“ Bald erzählen sie gemeinsam ihre Freundschaftsgeschichte, ergänzen sich, erinnern sich an früher, als sie sich noch nicht permanent gestritten haben. Eigentlich ging das mit dem Streiten erst los, als Frau Konstantinovic nur noch mit Irina einkaufen gehen wollte, dem Neuzugang aus 211. Plötzlich sei Dusica abgemeldet gewesen – nicht einmal zum Geburtstag habe man sie eingeladen! Ich paraphrasiere: „Dusica ist verletzt, weil sie fürchtet, die Freundschaft könnte Ihnen weniger wichtig sein als ihr. Die Freundschaft zu Ihnen ist Dusica sehr wichtig. Stimmt doch, Dusica, oder?!“ Spätestens jetzt glitzern die ersten Tränchen. Eigentlich gehe es Frau Konstantinovic ganz genauso, auch sie leide unter den Feindseligkeiten. Man tupft sich mit Taschentüchern an der Nase herum und schweigt. „Möchten Sie Dusica zum Geburtstag einladen? Vielleicht kann sie Ihnen bei den Vorbereitungen helfen?“ Ein schüchterner Blick zwischen den beiden: Würdest du wollen? Ja, machen wir so!

Dieses Beispiel für einen typischen Konflikt in einer Flüchtlingsunterkunft mag für den einen oder anderen Leser profan klingen, aber es entspricht tatsächlich den Tatsachen. Wir streiten nicht darüber, ob einer Moslem oder Christ ist, solange es beim Tischtennis keine Rolle spielt. Wenn man sich einen Kühlschrank teilen und mit dem als unrein erachteten Fleisch in Berührung kommen muss, wird es wichtig. Der Zimmernachbar mag aus dem verhassten Albanien stammen, aber er borgt regelmäßig seine Spielkonsole aus, also ist das mit Albanien völlig uninteressant. Erst wenn die Spielkonsole kaputt geht und ein Schuldiger gesucht wird, erinnert man sich an die Schlacht auf dem Amselfeld. Als Mediatorin versuche ich, mich nicht von Herkunft, Geschichte und Religionsunterschieden leiten zu lassen, sondern konzentriere mich auf die Gefühle.

Eine Flüchtlingsunterkunft ist wie eine flüssige Lavalampe, die stets im Gleichgewicht gehalten werden muss. Allianzen gründen sich und transformieren sich innerhalb weniger Tage, weil neue Interessensgruppen entstehen. Dabei verläuft die Linie zunächst zwischen den Sprachen und den Herkunftsländern, bald jedoch zwischen den Bedürfnissen: Eltern und Singles streiten um laute Musik und ebenso lautes Kinderschreien. Anerkannte Flüchtlinge und solche, denen die Abschiebung droht, beäugen sich hämisch oder neidvoll. Das große Konstrukt „Normalität“ wird täglich in Frage gestellt, weil 250 Menschen aus mehr als 20 Herkunftsländern von der urbanen Oberschicht bis zur analphabetischen Landbevölkerung eine jeweils eigene Vorstellung davon haben, was „normal“ ist. Nicht viele wissen etwas mit dem Begriff „Empathie“ anzufangen, die meisten haben nicht gelernt, Konflikte ohne Gebrüll und großes Tamtam zu lösen. Wie man mit Konflikten umgeht, ist eine Frage der Kultur. In den Unterkünften müssen wir eine neue Kultur des Umgangs erfinden, die alten Regeln haben keine Gültigkeit mehr. Die sozialen Codes, die im afghanischen Dorf jeder verstanden hat, sorgen hier bloß für Fragezeichen. Für die Mehrzahl derjenigen, die „bei mir“ untergebracht sind, ist es die erste Reise ihres Lebens – und somit oft der erste Perspektivwechsel.

Um solch ein Haus zu führen, ist es wichtig, „Ellenbogen-Momente“ zu vermeiden. Die Flüchtlinge sollten spüren: Jeder ist wichtig, jeder wird gegrüßt, jeder wird einmal in seinem Zimmer besucht. Es ist nicht nötig, die Ellbogen herauszuholen, denn alle sitzen im selben Boot.

Viele Menschen aus der Nachbarschaft wollen sich einbringen und die Flüchtlinge unterstützen. Für die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellt dieses Engagement auch eine Belastung dar, wenn Kompetenz und Fähigkeiten fehlen und dennoch ein Anspruch auf Mitwirkung gestellt wird. Jeder kann helfen? Nein, stimmt nicht! Einige machen es mit gut gemeinten, aber unpassenden Hilfsangeboten nur noch schlimmer, weil ihnen wichtige Hintergrundinformationen fehlen. Eine schwierige Situation stellt auch die fehlende Kommunikations- und Kooperationsstruktur dar. Wer wirkungsvoll helfen will, muss sich auch gut abstimmen. Das gilt für Ehrenamtliche wie für Hauptamtliche. Leider höre ich häufig: „Ich mach das hier ehrenamtlich, also lasse ich mir auch nichts vorschreiben.“

Zum Beispiel orientieren sich viele nicht am Bedarf der Bewohnerinnen und Bewohner, sondern an den eigenen Interessen. Die Enttäuschung ist groß, wenn der Zulauf zur Häkelrunde, zum experimentellen Theaterworkshop, zur Meditationsrunde oder zur Holzspielzeugwerkstatt ausbleibt. Wenn ich meine Bewohnerinnen und Bewohner frage, was sie brauchen, antworten sie unisono: „Was ich brauche? Nein, die Frage lautet, was braucht ihr? Gebt mir eine Chance, mein Können unter Beweis zu stellen.“ Sie sind keine Opfer, sondern Helden. Sie hassen es, als Almosenempfänger behandelt zu werden, denen man Kuscheldecken näht. Sie sind aus ihrem Umfeld gerissen worden und haben dadurch all ihr Prestige verloren. Aus dem in Damaskus respektierten Fabrikanten Al-Masri wird ein Flüchtling Al-Masri, einer unter vielen, einer, den man nicht fragen muss, einer, über den man spricht, dem man jedoch vergisst, selbst das Wort zu erteilen. Herr Al-Masri fragt mich: „Wie lange bin ich eigentlich noch Flüchtling?“ Was ist, wenn ich ihm gestehe, dass wahrscheinlich sogar seine Enkel noch als Flüchtlingskinder bezeichnet werden?

Wirklich sinnvolle Integrationsarbeit schafft Räume, in denen Flüchtlinge ihre Individualität wiedererlangen und unter Beweis stellen können, dass sie genauso kompetent und vielseitig begabt sind wie alle anderen Deutschen.

Susan Hermenau hat von 2011/12 im EIRENE-Friedensprogramm in Bolivien mitgearbeit. Seit 2014 leitet sie eine Unterkunft für Flüchtlinge in Berlin.

 

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