Rassismuskritische Friedensarbeit

Dr. Ali Fathi

Ich habe EIRENE im Zusammenhang mit einem beginnenden macht- und rassismuskritischen Prozess kennengelernt. Ein Prozess, dessen bewusst selbstkritische Fortsetzung eines langen Atems bedarf. Denn es geht um vielschichtige Machtstrukturen voll von Gewalt, Unterdrückung, Vernichtung und Ausbeutung, die seit Jahrhunderten bestehen. Die insbesondere seit der Kolonialzeit entstandene Dominanzkultur bedroht die Friedensarbeit von außen und von innen.

Es macht mir Freude zu erfahren, dass EIRENE im Zuge dieses rassismuskritischen Prozesses die eigene Friedensarbeit in Ländern des Globalen Südens unter die Lupe nimmt. Postkoloniale Friedensbildung beginnt mit dem Respekt und dem Lebendig-Machen lokaler Friedenskultur.


Noch mehr machte es mir Freude, dass ein Seelenfreund von mir, François Tendeng, bei EIRENE als Friedensfachkraft in Mali tätig ist und in der rassismuskritischen Arbeit eine besondere Rolle einnimmt. Seine Entwicklung der Antirassismusarbeit in Deutschland habe ich persönlich verfolgt. Er widmete sich mit viel Ausdauer den Herausforderungen, die Verwobenheit neokolonialer Strukturen hier in Deutschland zu erkennen und Räume für Veränderung zu eröffnen. Diese Erfahrungen aus Deutschland stehen in einer lebendigen Verknüpfung zu machtkritischen Kulturen und Traditionen an anderen Orten. Was aus europäischer Perspektive in den Hintergrund gedrängt und zum Teil durch Kolonialismus zerstört wurde, wird nun in den Vordergrund gestellt. Ich freue mich zu sehen, wie sich die Friedens- und Antirassismusarbeit selbstkritisch gegen die Machtstrukturen stellt.


Wir leben in einer Zeit eskalierender Gewalt, die sich als ein komplexes System darstellt und uns als Individuum, als Gruppe, als Gesellschaft seit Jahrhunderten geprägt hat. Wir brauchen viel mehr selbstkritische Menschen, die nicht nur die Geschichte der Ausbeutung und Unterwerfung erkunden, sondern auch die Geschichte des Widerstandes und der Friedensarbeit. Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī (13. Jahrhundert), der im heutigen Raum von Afghanistan, dem Iran und der Türkei wirkte, sagte es so: „Jenseits von falsch und richtig liegt eine Wiese, lass uns dort begegnen!“ Diese Begegnungen erfordern neben dem Aushalten können von Widersprüchen auch eine Haltung, die der Gewalt nicht mit Gewalt begegnet, sondern durch einen Weg des Friedens. Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland einwanderten
und das Land mit aufbauten, haben wesentlich dazu beigetragen, dass 2005 das Einwanderungsgesetz und in diesem Zusammenhang 2006 das Antidiskriminierungsgesetz verabschiedet wurden. Ihr Engagement war entscheidend. Ohne ihre Antidiskriminierungsarbeit wäre diese gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland nicht vorstellbar.


Ich sehe da ähnliche Aufgaben in der sogenannten Entwicklungszusammenarbeit. Seit über 50 Jahren werden Fachkräfte aus Deutschland in ehemalige Kolonien und andere Länder des Südens entsandt. Auch dies ist ein Ausdruck von Macht und Folge der Geschichte unseres Systems. Wenn wir unser heutiges System als Erbe der Kolonialisierung (1914 waren 85 Prozent der Erde aufgeteilt) begreifen, merken wir, dass wir es auch mit einem weißen Wissenssystem infolge einer global vereinheitlichten politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Machtstruktur zu tun haben. Ein System, eine weiße Herrschaft der Macht, die immer noch zwischen „Zivilisierten“ und „Nichtzivilisierten“, zwischen „Guten“ und „Bösen“, zwischen „Entwickelten“ und „Nichtentwickelten“, zwischen „Erster Welt“ und „Dritter Welt“, zwischen „Helfern“ und „Geholfenen“, zwischen „Integrierten“ und „Nichtintegrierten“ unterscheidet und Maßstäbe, Werte und Normen für alle setzt.


In Deutschland wird Integration gepredigt, jedoch Assimilation erwartet. Bei der Zusammenarbeit mit Ländern des Globalen Südens wird die Begegnung auf Augenhöhe behauptet, doch das Gefälle der Nord-Süd-Ungleichheiten völlig ignoriert. Ungerechte Handelsstrukturen werden
immer weiter fortgeführt. Waffen werden produziert, in Krisenregionen geliefert und dort eingesetzt. Kriege werden begonnen und immer weiter geführt und sollen angeblich dem Frieden dienen. Solche Systeme nähren den Rassismus und werden von ihm genährt. Bewusste Distanz zu diesen Systemen und die Bewahrung der eigenen Wege war und ist angesagt. Auch Bildungsansätze sind vor Manipulation zu schützen, indem wir ihre Kontexte immer wieder machtkritisch überprüfen und unsere Selbstverständlichkeiten in Frage stellen.

Dr. Ali Fathi ist Kommunikationswissenschaftler, Coach sowie macht- und rassismus-kritischer Prozessgestalter. Weitere Informationen unter: www.miteinanders.de

Nachdem unsere Tochter als EIRENE-Freiwillige in Uganda war, war es wunderschön im Jahr darauf eine junge Frau aus Uganda in unsere Familie aufzunehmen. Das war sehr bereichernd für unsere Familie. Denn gegenseitiges Verständnis braucht Begegnungen!
Christiane Bals, Lehrerin
Heute ist es umso wichtiger, dass die ökumenische Friedensorganisation EIRENE das verkörpert, wofür die Friedensgöttin EIRENE 400 vor Christus stand: für einen Frieden als Basis von Wohlstand für alle; als Grundlage einer gerechten Gesellschaft; als Gegenmodell zu einer hochmilitarisierten Welt.
Wolfgang Kessler, 20 Jahre Chefredakteur von Publik-Forum, heute freier Publizist
Weltwärts mit EIRENE in Marokko – für unsere Tochter Thekla ein Jahr mit vielen Herausforderungen, vor allem aber mit Gewinn für ihre spätere berufliche Orientierung. In dem Projekt mit Geflüchteten wussten wir sie jederzeit gut aufgehoben und von den EIRENE-Fachkräften intensiv begleitet.
Tobias Schwab, Journalist
EIRENE gibt jungen Menschen Gelegenheit - ich wähle Worte von Papst Franziskus - , "Beschützer und nicht Räuber der Welt zu werden, Schönheit zu säen..., zu erkennen, dass wir zutiefst mit allen Geschöpfen verbunden sind auf dem Weg in Gottes unendliches Licht".
Johannes Meier, Professor für Katholische Theologie
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