"Das Wasser ist unser Verwandter"
Magdalena Zimmer arbeitet seit November letzten Jahres in Bolivien bei der EIRENE-Partnerorganisation Fundación Mujeres en Comunidad (FMEC). In dieser neuen Zusammenarbeit werden indigene Frauen beim Schutz und bei der Nutzung des Titicacasees unterstützt. Schon vor ihrer Ausreise reflektierte Magdalena, wie Frieden und Umwelt zusammenhängen.
Environmental Peacebuilding – Ein neues, fast schon modisches Schlagwort. Friedensarbeit wird plötzlich im Zusammenhang mit Umwelt gedacht. Klingt erstmal spannend. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage: Wurde Friedensarbeit vorher wirklich ohne Umwelt gedacht? Ist Environmental Peacebuilding also tatsächlich ein revolutionärer Ansatz? Oder handelt es sich eher um etwas, das in der internationalen Debatte zwar neu benannt wurde, wohingegen sich viele indigene Gemeinschaften genau dieser Zusammenhänge zwischen Umwelt, Gemeinschaft und Konflikten schon seit Generationen bewusst sind und diese leben und praktizieren? Wie lässt sich Friedensarbeit mit Umweltfragen verbinden? Und ist es überhaupt möglich, Frieden ohne Umwelt, Geschlechtergerechtigkeit und koloniale Kontinuitäten zu denken?
Es bräuchte also eine feministische und dekoloniale Umweltfriedensarbeit. Doch ist das überhaupt möglich, als weiße, deutsche Friedensfachkraft, die in Bolivien zu Themen wie Zugang zu Wasser und politischer Partizipation von Frauen arbeitet? Diese Fragen haben mich während der Vorbereitungsphase auf meine neue Stelle als EIRENE-Friedensfachkraft intensiv begleitet und tun es bis heute. In verschiedenen Trainings zu Umwelt, Friedensarbeit und Konfliktanalyse habe ich mich besonders mit dem Ansatz des Environmental Peacebuilding beschäftigt. Ein Konzept, das Umweltfragen mit Friedensarbeit verbindet und danach fragt, wie ökologische Herausforderungen, etwa Wasserknappheit, Umweltverschmutzung oder der Zugang zu natürlichen Ressourcen, soziale Ungleichheiten verstärken und Konflikte beeinflussen oder sogar befeuern können. Mir ging es dabei vor allem darum, feministische, intersektionale und dekoloniale Fragen miteinzubeziehen. Wer ist von Umweltproblemen besonders betroffen? Wer entscheidet über Ressourcen? Und wessen Wissen wird gehört und wessen nicht?
Das wird besonders beim Thema Wasser deutlich. Während Wasser in vielen internationalen politischen oder wirtschaftlichen Debatten oft als eine nützliche Ressource betrachtet wird, wurde mir bewusst, welche tiefere Bedeutung Wasser für viele indigene Gemeinschaften hat:
„Für die westliche Welt ist Wasser eine Ressource, ein Input, der in Kubikmetern messbar ist […], ein wirtschaftliches Gut, das den Gesetzen des Marktes unterliegt […], eine Art ‚blaues Gold‘ […]. Doch für uns, die indigenen Gemeinschaften, ist diese Sichtweise nicht nur unvollständig, sondern zutiefst falsch. Unsere Haltung ist klar und entspringt der Erinnerung unserer Großmütter und Großväter […], der Weisheit unserer Völker.
Wasser ist keine Ressource, es ist das Leben selbst. Es ist keine Ware, sondern ein heiliges Wesen, mit dem wir unsere Existenz verweben […]. Unsere Beziehung zum Wasser ist keine Beziehung von Besitz oder Objekt, sondern eine Beziehung der Gegenseitigkeit. Der Fluss ist nicht einfach ein Wasserlauf, der unser Territorium durchquert. Er ist ein Verwandter, eine offene Ader der Mutter Erde, die uns am Leben erhält und die alles Leben auf dieser Welt erhält […]. Wie wir so wird auch das Wasser geboren, es fließt, es singt, es kann zornig werden und es braucht ebenfalls Fürsorge. Wenn wir eine Wasserquelle verschmutzen, schaden wir uns selbst. Wir schädigen nicht eine Ressource, wir machen ein Familienmitglied krank […]. Diese Kosmovision ist die Grundlage unserer Widerstandskraft und der Grund, warum wir trotz Jahrhunderten der Enteignung weiterhin die besten Hüter der Quellgebiete unserer Flüsse und Gewässer sind […]. Wasser als ein kollektives Gewebe in der Gemeinschaft des Wassers ist es der große Verbinder. Es ist kein individuelles Gut, sondern ein Gemeingut, das das kollektive Leben trägt. […]
Es gibt keine wichtige Zeremonie, in der Wasser nicht präsent wäre. Es ist der Vermittler, durch den wir danken, um Erlaubnis bitten und uns reinigen […]. In Wasserfällen, in heiligen Seen und in Flüssen, bewohnt von unseren schützenden Geistern, den Hütern des Wassers, lernen wir, dass mehr zu nehmen als nötig eine Beleidigung ist. Deshalb ist unsere Haltung gegenüber einem aufgezwungenen Entwicklungsmodell eine Haltung der Verteidigung […]. Wir können nicht zulassen, dass Staudämme unsere Flüsse austrocknen, die unsere Wege und unsere Tempel sind […]. Wir können nicht akzeptieren, dass der Bergbau die Adern unserer Mutter Erde mit Zyanid oder Quecksilber vergiftet.“
(Libertad Ksren Ortega Foronda, Zentraler Agrarverband Marca Kosko)
Nach drei Monaten der Vorbereitung hat meine Tätigkeit bei der Fundación Mujeres en Comunidad (FMEC) in Bolivien nun richtig begonnen, und ich merke, wie mir genau diese Perspektiven in meinem Arbeitsalltag immer wieder begegnen.
Noch befinden wir uns in einer frühen Findungsphase: Wir haben erste Kontakte zu Schulen aufgebaut, es wurden Gespräche mit Gemeinden und lokalen Entscheidungsträger*innen geführt, erste Strategien wurden entwickelt und Projektideen konkretisiert. Wenn ich beobachte, wie FMEC arbeitet und welches Wissen die Menschen in den Gemeinden rund um den Titicacasee mitbringen, erscheint mir die Antwort relativ klar. Viele der Praktiken, die heute unter dem Begriff Environmental Peacebuilding diskutiert werden, sind keineswegs neu. Es sind Formen des Wissens und des Umgangs mit Umwelt und Gemeinschaft, die seit Generationen existieren.
Demnach besteht die Herausforderung vielleicht weniger darin, neue Konzepte zu entwickeln, sondern vielmehr darin, dieses alte Wissen ernst zu nehmen, sichtbar zu machen und stärker in politische und gesellschaftliche Prozesse einzubeziehen. Die Arbeit von FMEC versucht deshalb, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, denn Umweltfragen sind immer auch Fragen von sozialer Gerechtigkeit, Machtverhältnissen und politischer Teilhabe. In vielen Gemeinden tragen beispielsweise die Frauen eine zentrale Verantwortung für Wasser, Landwirtschaft und das Wohlergehen ihrer Familien. Gleichzeitig sind sie häufig kaum in politische Entscheidungsprozesse eingebunden.
„Historisch gesehen wurden Frauen bei der Beteiligung und Entscheidungsfindung in Fragen rund um Wasser und Umwelt lange an den Rand gedrängt, vor allem aufgrund machistischer und patriarchaler Strukturen, die in vielen ländlichen Gemeinschaften bis heute bestehen. Für Frauen in bäuerlichen Gemeinschaften ist Wasser jedoch das Leben selbst. Ohne dieses Element könnten sie das Leben nicht aufrechterhalten. Deshalb ist die politische Stärkung von bäuerlichen und indigenen Frauen entscheidend, damit ihre Stimmen gehört werden und sie ihre Lebensgrundlagen und Territorien verteidigen können. Gleichzeitig bewahren Frauen auch viele traditionelle Praktiken zum Schutz der Umwelt, etwa die Erhaltung einheimischer Samen, die für Ernährungssicherheit und Ernährungssouveränität der Gemeinschaften wichtig sind, oder landwirtschaftliche Praktiken wie Mischkulturen und Fruchtwechsel. Durch diese Praktiken fördern Frauen auch ein harmonisches Zusammenleben mit der Natur, das auf Gegenseitigkeit und Respekt gegenüber der Pachamama (Mutter Erde) beruht, also auf dem Prinzip des Gebens und Nehmens.“
(Maria Mercesdes Vargas Apaza, Directorin von FMEC)
Genau diese Perspektiven begegnen mir nun auch ganz konkret in meinem Arbeitsalltag bei der Fundación Mujeres en Comunidad. Für mich persönlich ist es besonders spannend, Teil dieser frühen Phase zu sein. Statt in bereits seit Jahren bestehende Strukturen einzusteigen, erlebe ich gerade einen Prozess des gemeinsamen Suchens, Gestaltens und Entwickelns. Gemeinsam mit dem Team von FMEC arbeiten wir daran, die Kontakte zu den Gemeinden, die am Titicacasee liegen, und lokalen Institutionen zu vertiefen. Wir werden zu den Gemeinden reisen, mit dem Ziel, gemeinsam mit den Menschen vor Ort Umweltprobleme zu analysieren und Ansätze zu entwickeln, die ökologische Nachhaltigkeit mit sozialer Gerechtigkeit verbinden. Auch wenn die Arbeit gerade erst beginnt, wird bereits deutlich: Friedensarbeit im Kontext von Umwelt und Klima bedeutet vor allem, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen, bestehendes Wissen sichtbar zu machen und langfristige Prozesse anzustoßen. Gerade in dieser Anfangsphase liegen deshalb eine besondere Dynamik und auch die Chance, neue Wege gemeinsam zu gestalten.
Und so kann ich meine eingangs gestellte Frage, ob feministische, dekoloniale Umweltfriedensarbeit aus meiner Position überhaupt möglich ist, noch nicht eindeutig beantworten. Was ich sagen kann, ist, dass es ein hohes Maß an Reflexion, Sensibilität und die Bereitschaft braucht, um die eigenen Perspektiven immer wieder machtkritisch zu hinterfragen. Mir ist bewusst, dass internationale Zusammenarbeit stets die Gefahr birgt, bestehende Machtverhältnisse oder koloniale Kontinuitäten ungewollt zu reproduzieren. Gerade deshalb erscheint mir der kontinuierliche Austausch, vor allem das Zuhören und das gemeinsame Lernen mit den Menschen vor Ort, so zentral. Wenn ich sehe, wie reflektiert und machtkritisch FMEC arbeitet, wie viele Perspektiven einbezogen und ernst genommen werden, stimmt mich das hoffnungsvoll. Ob und wie es gelingt, diesen Anspruch auch in meiner eigenen Arbeit umzusetzen, wird sich in der kommenden Zeit zeigen.
