Frieden geht auf Sendung

Frauen in Burundi debattieren für Frieden und Lösungen in Radiokonferenzen
Bild von Claus Schrowange
Frauen in Burundi debattieren für Frieden und Lösungen in Radiokonferenzen

Es herrscht Redebedarf in Burundi! Eines der kleinsten Länder Afrikas ist doppelt so dicht besiedelt wie Deutschland und gehört laut UN zu den fünf ärmsten Länder der Welt. Seit seiner Unabhängigkeit 1961 wird Burundi immer wieder von blutigen Konflikten heimgesucht. Um dem Frieden eine Stimme zugeben, wurde eine neue Methode entwickelt: Mediations-Radiokonferenzen. In ihr kommen alle Vertreter_innen der Gesellschaft zu Wort und Konflikte werden konstruktiv geregelt.

Die EIRENE-Partnerorganisationen „Maison de la Presse du Burundi“ (MPB, das Pressehaus Burundis) und „Association Burundaise des Femmes Journalistes“ (AFJO, die Vereinigung der Journalistinnen) organisieren gemeinsam die Radiokonferenzen. Es handelt sich bei diesem Ansatz um zweistündige themenspezifische Dialogveranstaltungen, in denen sich jeder der 20 bis 30 eingeladenen Gäste zu Wort melden kann. Die Debatten werden in Kirundi abgehalten, der Nationalsprache von Burundi, und können live im burundischen Radio Isanganiro verfolgt werden. Dabei wird ein_e Expert_in eingeladen, die einen zehnminütigen Fachbeitrag leistet. Themen sind meist Frauenrechte und die Verhinderung von sexualisierter Gewalt, es werden aber auch Sendungen produziert, die sich den Themen Landkonflikte und Gewaltfreiheit widmen.

Jede Radiokonferenz beginnt mit einer drei- bis fünfminütigen investigativen Reportage von einer Region, in der das Thema besonders präsent ist. Die Reportagen provozieren Wortmeldungen in der Runde der Anwesenden. Sie sind wie das Salz in der Suppe. 

Zwei Hörer_innenzentren sind zugeschaltet, in denen Menschen in entfernten Provinzen sitzen und gemeinsam den Mediations-Radiokonferenzen folgen. Sie haben einen kurzen Moment Zeit, um einen Telefon-Input zu geben und auf die Situation in ihrer Provinz aufmerksam zu machen. Es gibt in der Regel drei Wortmeldungen pro Hörer_innenzentrum. 

Seit 2016 arbeitet MPB im Bereich Friedensjournalismus mit der Methode der Mediations-Radiokonferenzen. „Ich finde diesen Ansatz genial, da niemand die Veranstaltung manipulieren kann. Unsere Journalisten und Journalistinnen sind geschult worden, diesbezügliche Versuche im Keim zu ersticken", betont Francine Ndihokubwayo, Präsidentin des Journalistinnenverbandes AFJO und Journalistin beim Radio Isanganiro. Francine nennt ein Beispiel: Der Vertreter der größten Oppositionspartei (Congrès National pour la Liberté, CNL) meldete sich bei einer Radiokonferenz zu Wort und schimpfte über die Regierung. Die Tirade wurde sofort von unseren Journalist_innen mit einem Ruf zur Ordnung unterbrochen, und das Wort wurde weitergereicht an die nächste Person. „Wir lernen bei jeder Radiokonferenz dazu“, ergänzt Leonidas Kirombo, ebenfalls Journalistin beim Radio Isanganiro.

Während der Sendungen ist absolute Ruhe gefordert, da sie zwei Stunden lang live im Radio übertragen werden und jedes Geräusch hörbar ist. Während der Aufzeichnung hat nur die Person, die das Wort hat, das Mikrofon. Es wird bewusst vermieden, Wutausbrüche oder lautes Schreien
zuzulassen, sodass alles ruhig und diszipliniert bleibt.

„Ich finde diesen Ansatz genial, da niemand die Veranstaltung manipulieren kann. Unsere Journalisten und Journalistinnen sind geschult worden, diesbezügliche Versuche im Keim zu ersticken"

Francine Ndihokubwayo, Präsidentin von AFJO

WER IST IM RADIO ZU HÖREN?

Die Gästeliste ergibt sich durch das Thema der Radiokonferenz, aber in der Regel sind Politiker_innen, Jurist_innen, Polizist_innen, Geistliche, Vertreter_innen zivilgesellschaftlicher Organisationen, Vertreter_innen der Batwa-Minderheit und Mitglieder vom Rat der Weisen (sog. Bashinganahe) bei den Aufzeichnungen an den Mikrofonen.

Empowerment von Frauen ist besonders den Vertreterinnen des Journalistinnen-Verbandes AFJO wichtig: „In der Regel nehmen mehr Männer als Frauen teil und die Frauen, die anwesend sind, melden sich häufig nicht zu Wort. Es fehlt den Frauen an Selbstvertrauen. Daran arbeiten wir“, erwähnt Agathonique Barakukuza AFJO.

Paneldiskussion beim Hörerclub (v.l.n.r.): Anaclet Hakizimana (Maison de la Presse du Burundi), Egide Bizindavyi (Mitglied des Hörerclubs), Gloriose Ndikumana (Präsidentin des Hörerclubs) & Agathonique Barakuk (AFJO)

WELCHE THEMEN WERDEN BEHANDELT UND WELCHE NICHT?

In Burundi ist das Konfliktpotential auf vielen Ebenen der Gesellschaft hoch. Immer wieder kommt es zum Beispiel zu Gewalt zwischen den Jugendverbänden der politischen Parteien, der Schmuggel an der Grenze zur Kongo destabilisiert ganze Gemeinden und aufgrund der zahlreichen gewalttätigen Konflikte in der Region der Großen Seen gibt es viele Geflüchtete im Land. Die Radiokonferenzen bieten die Möglichkeit viele dieser brisanten Themen anzugehen, ohne die beteiligten Personen in Gefahr zu bringen. Durch die zweistündige 
Dauer des Formats können auch vielschichtige Themen wie häusliche Gewalt, frauenbenachteiligenden Praktiken im Erbrecht und Gewalt gegen die Batwa-Bevölkerungsgruppe thematisiert werden. Es gibt jedoch für die Journalist_innen von MPB und AFJO eine rote Linie in der Themenwahl: Weder darf es direkte Kritik an der Person des amtierenden Präsidenten geben, noch soll Trennendes zwischen den beiden dominanten Volksgruppen der Hutu und der Tutsi verbreitet werden. Diese beiden Themen bergen in sich ein Eskalations- und Gewaltpotential, das die beiden EIRENE-Partnerorganisationen durch Selbstbeschränkung einhegen– „Nur ein lebender Journalist und eine lebende Journalistin können gute Journalisten und Journalistinnen sein“, sagt ein Journalist dazu, der Burundi gut kennt.


von Claus Schrowange

Mehr Informationen

Weibliche Stimmen für Frieden

Burundi/ DR Kongo: In einer konfliktreichen Region leisten Journalistinnen wichtige Arbeit für gesellschaftlichen Dialog und Versöhnung. Erfolgreiche Frauen kommen ins Rampenlicht.