Uganda: Kein Helfen, sondern Lernen auf Augehöhe
Kaum zu glauben, dass meine ersten Monate in Uganda schon vergangen sind. Es fühlt sich an, als hätte ich gerade erst meine Koffer gepackt, und gleichzeitig, als hätte ich hier schon ein ganzes Jahr gelebt. Ein Blick in meine Handygalerie mit über 1.300 Bildern zeigt, wie viel in dieser Zeit passiert ist: Begegnungen, Orte, Gesichter und Momente, die mein Leben verändert haben. Mein Start nach Uganda verlief chaotisch: verspätete Flüge, verpasste Anschlüsse, eine ungeplante Nacht in Ägypten, ohne Gepäck. Am 3. August kam ich schließlich in Uganda an. Nach einem Einführungsseminar durch die EIRENE-Freiwilligenkoordinatorin begann ein intensiver, dreiwöchiger Luganda-Sprachkurs in Kampala. Viele Kinder, aber auch Erwachsene auf dem Land sprechen nicht die Landessprache Englisch.
Weltwärts in Uganda
Drei Wochen lebte ich in einer Gastfamilie, lernte Sprache, Kultur und Alltag kennen. Mir wurde noch mal mehr bewusst, wie wichtig Zuhören und Geduld sind, bevor man überhaupt anfangen kann, mitzuwirken.
Seit September lebe ich in Mbale im Osten Ugandas und arbeite bei Child Outreach Organisation (CRO). CRO arbeitet seit 1992 daran, Straßenkindern zu helfen. Die Vision der Organisation ist, diese Kinder so zu fördern, dass sie verantwortungsbewusste und selbstständige Menschen werden, und sie mit ihren Familien zu versöhnen.
Ein Freiwilligendienst für Kinderrechte
Mbale ist wunderschön: mit Blick auf den Mount Elgon. Gleichzeitig ist es ein Ort, an dem Kinderrechte für viele Kinder nicht gelten. Hunderte Kinder leben hier auf der Straße. Die meisten von ihnen sind keine Waisen. Sie kommen aus Familien, die durch Armut, Gewalt oder Trennung zerbrochen sind. Ich begleite Sozialarbeiter*innen bei Streetwalks, führe Gespräche mit Kindern, unterstütze Beratungen im Call-in-Center. Ich helfe auch regelmäßig im Transit Home mit, einem Schutzort für Jungen, die versuchen, der Straße zu entkommen. Das Transit Home liegt etwa 20 Minuten außerhalb von Mbale mitten in der Natur. Dort leben momentan 15–20 Jungs. Sie helfen beim Kochen, Hausputz und auf dem Feld oder spielen Fußball. Neben der Betreuung ist dort ein weiterer wichtiger Teil unserer Arbeit die Rehabilitation. Also den Jungs immer wieder zeigen, dass das hier der bessere Ort zum Leben ist als die Straße. Sie lernen viele wichtige Lebenslektionen, da sie von zu Hause vieles nicht mitbekommen haben. Daneben versucht CRO auch, die Kinder in ihre Herkunftsfamilien zu integrieren. Wenn Kinder zum Beispiel angeben, dass sie noch eine Tante oder Großeltern haben, versuchen wir, Kontakt aufzunehmen und zu prüfen, ob das Kind dort leben kann. Was mich besonders beschäftigt: Viele Probleme sind strukturell. Reintegrationen scheitern nicht am Willen, sondern an Armut, Überforderung und fehlender Unterstützung. Staatliche Vorgaben verhindern langfristige Lösungen. Bildung bleibt vielen verwehrt.
Wenn fünf von zehn Kindern nach der Reintegration zurück auf die Straße gehen, fühlt sich das oft
frustrierend an, und gleichzeitig macht es deutlich, dass es hier um mehr geht als Einzelschicksale. Trotzdem erlebe ich auch Hoffnung. Bei CRO geht es nicht nur um Versorgung, sondern um Würde und Perspektiven. In kleinen Projekten lernen die Kinder praktische Fähigkeiten, wie Backen oder eine handwerkliche Ausbildung. Es sind kleine Schritte, aber sie bedeuten Selbstwirksamkeit und Zukunft.
Auch mein Alltag außerhalb der Arbeit ist intensiv: gemeinsames Kochen mit Freund*innen, lange
Gottesdienste, Wäschewaschen von Hand, Gespräche bis spät in die Nacht. Ich lerne täglich dazu: über dieses Land, über Ungleichheit und über mich selbst. Dieser Freiwilligendienst ist für mich kein „Helfen“, sondern ein Lernen auf Augenhöhe. Er bedeutet Dableiben, auch wenn es schwer wird. Zuhören, auch wenn es keine schnellen Lösungen gibt. Und nicht wegsehen, wenn Kinderrechte verletzt werden. Dass ich hier sein kann, verdanke ich vielen Menschen, die diesen Einsatz unterstützen. Dafür bin ich sehr dankbar.
