Frieden in dünner Luft
Das bolivianische El Alto ist die höchste Millionenstadt der Welt. Auf über 4.000 Metern Höhe liegt die sogenannte „ Hauptstadt der Aymara”. Ein Ort geprägt von Armut und Konflikten, aber auch von Selbstverwaltung und Improvisation. Die ehemalige EIRENE-Fachkraft Esther Henning gibt Einblicke in den Charakter der Stadt und zeigt, welche positiven Effekte der Friedensdienst in Kooperation mit lokalen Partnerorganisationen hat.
Aus dem Flugzeug im Anflug auf die Metropolregion kann man die riesige Ausdehnung von El Alto erkennen. Längst ist El Alto kein Anhängsel mehr von La Paz, sondern eigenständig und eine Stadt mit Selbstbewusstsein und eigener Identität. Es gibt viele Vorurteile über El Alto und seine Bevölkerung: chaotisch, arm, machistisch, gefährlich, MAS -Anhänger … Stigmatisiert wird die Stadt, die direkt an La Paz grenzt, schon deshalb, weil sie zu einem bedeutenden Anteil von Indigenen bewohnt wird. Vor diesem Hintergrund trägt sie den Beinamen Hauptstadt der Aymara.
60 Prozent der Bewohner von El Alto sind laut nationalem Statistikinstitut jünger als 30 Jahre. Viele der junge Menschen kennen ihre indigenen Wurzeln an und verorten sich gleichzeitig jenseits von eindeutigen Zuschreibungen. Ihre Identität ist vielfältig und komplex. Sie pendeln mit großer Selbstverständlichkeit zwischen den Welten, einerseits die der Familie und der Tradition auf dem Land, andererseits das Leben in der Stadt mit Grillhähnchen an jeder Ecke.
In den vergangenen sechs Jahren habe ich Partnerorganisationen von EIRENE in El Alto beraten und einiges über die Menschen und ihre Stadt kennenlernen dürfen. Dabei habe ich festgestellt, wie bedeutsam die geteilte Migrationserfahrung vieler Menschen in El Alto ist, denn sie wirkt oft erklärungskräftiger für die sozialen und politischen Dynamiken der Metropole als unterkomplexe ethnische Zuschreibungen.
Das Netz ist voller Hasskommentare über die Bevölkerung von El Alto. Ignorantes, salvajes oder terroristas (Ungebildete, Barbaren und Terroristen) ist dort zu lesen. Das koloniale Erbe in Form von Hatespeech im digitalen Raum und die Diskriminierung gegen indigene Menschen halten also an, obwohl sich die Verfassung Boliviens von 2009 durch die umfassende Anerkennung der Rechte indigener Völker auszeichnet. Hier besteht eine Diskrepanz zwischen Realität und rechtlichen Normen.
Auch in Deutschland hat El Alto ein negatives Image. Um Vorurteile zu reduzieren und Diskriminierung erst gar nicht zuzulassen, hilft es, Kontakt mit den anderen Menschen zu haben und positive Begegnungen zu ermöglichen. EIRENE bietet jungen Menschen seit 2008 die Möglichkeit, sich ein Jahr in sozialen Projekten in El Alto zu engagieren und auf der Hochebene zu leben. Der Freiwilligendienst trägt dazu bei, Stereotype abzubauen. So berichtet Michael Roubicek: “Bevor ich nach Bolivien gekommen bin, habe ich geglaubt, dass die Alteños und Alteñas sehr verschlossene Menschen sind.” Mit der Zeit hat Michael seine Meinung über die Bewohner*innen von El Alto geändert. “Wenn man sich zu einem Geburtstag trifft, dann sind die Leute mega- offen, herzlich und lustig. Wir Deutsche lassen andere Menschen weniger an uns heran.”
El Alto ist ein Schmelztiegel von Tradition und Moderne, verschiedenen Kulturen und Sprachen. Futuristische Cholets ausgestaltet in andiner Farbenpracht des international gefeierten Architekten Freddy Mamani, Ausdruck von materiellem Reichtum und Erfolg der Aymara-Bourgeoisie, stehen neben unverputzten Häusern. Während Jugendliche mit Hiphop ihre Proteste gegen Ungerechtigkeit ausdrücken, die Anführer von sozialen Organisationen zu Straßenblockaden aufrufen, um sich zu wehren, vollziehen Yatiris (andine Heiler) spirituelle Rituale und deuten mit Kokablättern die Zukunft. Für Marilia Quispe, Referentin bei der EIRENE-Partnerorganisation FOCAPACI und Dozentin an der Universidad Pública de El Alto, ist die Stadt damit ein idealer Ort, um ein respektvolles Miteinander zu üben. Die 35- Jährige kennt El Alto seit ihrem vierten Lebensjahr.
El Alto ist eine Hochburg des Aktivismus und Widerstands: Spätestens seit dem sogenannten Gaskrieg, der im Oktober 2003 zum Sturz des neoliberalen Präsidenten Sánchez de Lozada führte, ist El Alto in Bolivien zum Symbol einer rebellischen Stadt geworden. El Alto de pie, nunca de rodillas (El Alto auf den Füßen, niemals auf den Knien) ist eine Parole, die immer noch verwendet wird. Die Alteños und Alteñas haben sich damals erfolgreich organisiert und politischen Einfluss genommen. Wir machen unserem Unmut Luft. Das Rebellische ist ein wichtiger Bestandteil der DNA von El Alto, verrät mir Fatima Pocoaca, Psychologin bei der EIRENE-Partnerorganisatio OMAK, in einem Gespräch. Am Wochenende verkauft Fatima von Hand hergestellten Käse, um ihr Einkommen aufzubessern.
In meiner Zeit als Fachkraft bekam ich aus sicherer Entfernung mit, was kurz nach den Präsidentschaftswahlen 2019 geschah. Bei dem Massaker von Senkata, einem südlicher Stadtteil von El Alto, kamen 10 Demonstranten durch Kopfschüsse ums Leben. Sie hatten ein Treibstofflager blockiert, um die Politik des Wandels des damaligen Präsidenten Evo Morales zu verteidigen. Das Ereignis blieb tief im kollektiven Gedächtnis verankert. Der Tatbestand zeigt in aller Deutlichkeit, wie sehr die sozialen Bewegungen und staatlichen Reaktionen auf dem Stadtgebiet von El Alto von Gewalt geprägt sind. Eine umfassende strafrechtliche Aufarbeitung des Ereignisses in Senkata hat bislang nicht stattgefunden.
Die junge Stadt wurde vor 40 Jahren unabhängig von La Paz. Zwei Rathäuser sind in diesem Zeitraum geplündert und abgefackelt worden. Bei den Bränden gingen wichtige Unterlagen des städtischen Archivs verloren. Es gibt in El Alto keinen Gedenkort oder ein Museum für Stadtgeschichte, um die Vergangenheit in den Blick zu nehmen und Orientierung zu bieten für die Zukunft. Jach'a Uta (Aymara für „das große Hauss“), das jetzige Rathaus, liegt am westlichen Stadtrand, rund 30 Minuten mit dem Auto vom Zentrum entfernt. Das Grundstück wurde auch aus Sicherheitsgründen so gewählt. Das Gebäude erinnert aufgrund seines imposanten Charakters an eine Festung. Seit zehn Jahren sind ohne Unterbrechung Frauen an der Spitze der Stadtverwaltung. Das ist beeindruckend, sind Politikerinnen doch nicht nur in deutschen Rathäusern unterrepräsentiert, sondern auch in Bolivien selten auf diesen Posten. Auf Soledad Chapetón folgte Eva Copa. Beide Frauen sind Töchter von Migranten und begannen im jungen Alter ihre politische Karriere. Sie sind damit Vorbilder für viele Alteñas, aber auch einem großen Maß an Hass und Hetze ausgesetzt. Sexualisierte Beleidigungen, offene Drohungen und tätliche Angriffe zielen darauf ab, Frauen, die Ämter in El Alto bekleiden, einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen – oder gar zum Rückzug aus ihrem politischen und sozialen Engagement zu zwingen.
Bis 1985 gehörte El Alto verwaltungstechnisch zu La Paz. Stadtpolitiker fokussierten sich jedoch auf die Belange in der Ollada, wie La Paz aufgrund seiner Kessellage genannt wird, und stellten kaum Mittel für eine nachhaltige Stadtentwicklung bereit. So bauten die Bewohnenden ihre Stadt selbst. Mit wenig Geld und vielen Ideen half El Alto sich selbst. Die Menschen errichteten nicht nur ihre Ziegelhütten, sondern trugen auch Sorge für Straßen und Wege. Sogar die öffentliche Universität von El Alto, an der aktuell 86.000 Studierende eingeschrieben sind, entstand bottom-up. Die ersten Hörsäle auf dem Campus wurden 1989 aus Lehmziegeln errichtet. Seitdem schreitet die Akademisierung von El Alto voran. Diese Stadtentwicklung von unten, die noch heute praktiziert wird, steht für gelebte Resilienz und kollektive Stärke. Das Prinzip der Selbstverwaltung erforderte Strukturen wie die Nachbarschaftsverbände und Radiostationen. Sie waren und sind Sprachrohr für die Bürger*innen: Beispielsweise sprechen OMAK-Aktivistinnen live per Webradio über den Frauenanteil bei den Präsidentschaftswahlen und analysieren auf Aymara, warum die Frauenquote nicht wirkt. Oder Sendungen von und für Kinder von der EIRENE-Partnerorganisation CHASQUI, in der über ihren Alltag in einfacher Sprache berichtet wird.
Geschwächt und gespalten
Heute ist nicht nur die Zivilgesellschaft in El Alto gespalten, sondern im ganzen Land. Soziale Organisationen werden auf die Zuschauerbühne verwiesen, statt gefragt und mitbeteiligt zu werden, oder sie werden von politischen Parteien instrumentalisiert. Dies schadet massiv der Demokratie Boliviens. Die digitale Ära lässt traditionelle Medien in El Alto und ganz Bolivien verschwinden. Einige Radiostationen kommen ihrem Bildungsauftrag kaum noch nach und gehorchen eher den Regeln des Marktes.
Neue Formen des politischen und sozialen Engagements
Die Partnerorganisationen von EIRENE haben vor diesem Hintergrund ihre Strategien anpassen müssen. Medienarbeit ist deshalb zu einem zentralen Bestandteil der Arbeit des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) in El Alto geworden. OMAK fördert beispielsweise Social-Media-Initiativen von Aktivistinnen, um Gewalt gegen Frauen sichtbar zu machen. Das ist der erste Schritt, Gewalt zu verhindern. Wir prangern Machtgefälle zwischen den Geschlechtern an und helfen Betroffenen, sich zu wehren, sagt Francisca Poma, die die Kurse der Frauenrechtsorganisation OMAK absolviert hat und jetzt Radiospots generiert. Marilia Quispe bemerkt, dass junge Menschen in El Alto alternative Orte suchen, um sich zu engagieren. „Sie reden offen über Gewalt und teilen ihre Erfahrungen.“ Hierzu trug auch der Kreativwettbewerb Arte-i-Cultura bei, den FOCAPACI erstmals 2020 während der Pandemie ausgerufen hat. Ziel ist es, junge Erwachsene zu ermutigen, über die Bedeutung von Demokratie und Frieden nachzudenken. Junge Literat*innen und Liedermacher*innen, die sozialkritische Texte vertonen, sorgen für ein neues Image und Selbstwertgefühl. Experimentierfreudige Jungunternehmer*innen denken die Stadt neu, eröffnen trotz widriger Bedingungen Kulturkneipen und damit Räume für Dialog und Partizipation.
Eine Stadt voller Kontraste
Nicht zu leugnen ist die soziale Schere zwischen den insgesamt 14 Stadtteilen. Vier von ihnen weisen Merkmale ländlicher Siedlungen auf. Wo mehr Wohlstand herrscht, gelingt die Mobilisierung großer Massen nur schwer; Konflikte sind anders gelagert. Die Politik der Straße verliert hier Anhängerschaft. In den Randgebieten sind viele Grundbedürfnisse nicht gesichert. Wenn die Grundstücke nicht beim Katasteramt registriert sind, gibt es auch keine Finanzhilfen für die Investition in die Entwicklung von Stadtvierteln. Bürokratische Hürden stellen eine Form der Diskriminierung dar. Dagegen begehren Anwohnende auf und organisieren Märsche.
Die Wurstfabrik Stege produziert Fleischprodukte in El Alto, und auch die Fabrik des Pharmaunternehmen Inti befindet sich in der Metropole auf dem Altiplano, dem Hochland am Rande der Anden. Doch diese Industrien bieten nur einem kleinen Teil der Bevölkerung einen festen Arbeitsplatz. Die meisten Alteños und Alteñas versuchen, sich im informellen Straßenhandel über Wasser zu halten. Was für Außenstehende auf den ersten Blick chaotisch wirkt, folgt festen Strukturen und eingespielten Abläufen. Die Mehrzahl der Frauen, die OMAK ermutigt, ihre Stimme zu erheben, verdienen ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf – sei es von selbst gemachten Haarshampoos, Strickwaren, Schmuck, gekochten Speisen, Backwerk oder Obst. Ihr Tag fängt früh an, wenn sie auf dem Großmarkt einkaufen. Selbst an Regentagen müssen sie draußen stehen und ihre Waren anbieten. Für diesen Job brauchen sie viel Zeit und Kraft. Wenn die Frauen zu spät zu den Workshops von OMAK kommen, hat dies meist damit zu tun, dass das Geschäft nicht so gut lief. Die Verkäuferinnen wechseln täglich die Standorte zwischen den Stadtteilen. Wer einen festen, überdachten Verkaufsstand erhalten möchte, muss sich innerhalb der bestehenden Strukturen hocharbeiten und sich einem der Verbände anschließen – eine Form selbstorganisierter wirtschaftlicher Teilhabe, die den Alltag vieler prägt. In jüngerer Zeit berichten Frauen, die Schulungen von OMAK erhalten, dass sie über digitale Plattformen wie Marketplace ihre Produkte verkaufen, aber dabei fehlt den kommunikationsstarken Frauen der persönliche Kundenkontakt.
Flugzeuge, Minibusse und Gondeln
Der internationale Flughafen, der zwei große Städte als Einzugsgebiete versorgt, liegt im Stadtgebiet El Altos. Die Ceja, ein zentrales Stadtviertel, ist ein wichtiges Nadelöhr, wo die Verkehrsströme aus dem Hoch- und Tiefland zusammenlaufen und sich ihren Weg runter nach La Paz suchen. Stau gehört zur Tagesordnung. Eine Autobahn und drei Seilbahnlinien verbinden die Städte. Minibusse und Gondeln befördern täglich viele Fahrgäste nach unten oder oben – zum Arbeiten, Einkaufen oder Studieren.
Nicht selten hört man Alteños und Alteñas sagen: Bajamos a la ciudad (Wir fahren runter in die Stadt). Sie meinen dann La Paz und vergessen dabei, dass dort, wo sie leben, mehr Menschen zu Hause sind als im Regierungssitz. Dass die Stadt El Alto bei der letzten Volkszählung 2024 nicht die 1-Millionen-Marke geknackt hat, hängt wohl damit zusammen, dass viele Menschen für den Zensus in ihre Herkunftsdörfer gereist sind.
El Alto wirkt auf den ersten Blick rau und widersprüchlich. Auf dem Alto herrschen starke, kühle Winde und der Unterschied zwischen den Tages- und Nachttemperaturen schwankt bis zu 20 Grad. Es fehlt an Grünflächen. Auf die Frage nach einem sicheren Ort, um Freizeit zu verbringen, nennt Gladis Calsina, Sozialarbeiterin von der EIRENE-Partnerorganisation SEPAMOS, das Kino. Und tatsächlich sind das Kino und die Schnellrestaurants in den drei Shoppingcentern der Stadt am Wochenende überlaufen. Erlebnisse dieser Art sind für viele Alteños und Alteñas jedoch ein Luxus. Erschwinglicher, wenn auch nicht kostenfrei, ist es, gemeinsam mit Freund*innen einen Kunstrasenplatz zu mieten, um sich zum Fußballspielen zu treffen. Die Nachbarschaftsverbände verfügen fast alle über einen eigenen Sportplatz. El Alto erhielt während der Regierungszeit von Evo Morales laut einer Zeitungsnotiz 249 Fußballfelder mit Kunstrasen. Die Zutrittskontrolle obliegt meist dem Vorsitzenden der sog. Junta Vecinal (Nachbarschaftsorganisation). Die Nutzungsgebühr kommt im besten Fall den Anwohnenden des Viertels wieder zu Gute. In ihrer Jugend verbrachte Gladis ihre Freizeit in diversen Kirchengemeinden, obwohl sie nicht getauft ist. Angebote für Kinder und Jugendliche von Kirchengemeinden sind weiterhin beliebt.
Die Plaza Murillo (Platz vor dem Regierungsgebäude in La Paz) kannst du nur mit Anzug und gebundener Krawatte betreten. In El Alto ist jeder willkommen.
Das sind Worte von Gladi`s Vater. Die Sozialarbeiterin von SEPAMOS lebte bis zu ihrem zwölften Lebensjahr in den Yungas, wie die subtropischen Täler im Norden von La Paz genannt werden, wo Zitrusfrüchte, Kaffee und Koka angebaut wird. Dann entschieden die Eltern, dass El Alto den Kindern mehr Bildungsoptionen bietet. Mit zwei Geschwistern zog Gladis in die Zone Paraíso 2. Ihre Eltern blieben zunächst auf dem Land. Die Kinder mussten ihren Alltag in der Stadt alleine organisieren. 1997 fehlte es im Stadtteil, wo die Familie noch heute lebt, an Wasseranschlüssen, Stromleitungen und Straßenbeleuchtung. Aber der Fluss, der wenige Meter vom Grundstück verläuft, war kristallklar, erinnert sich Gladis.
Die schnelle Zuwanderung hat El Alto verändert: Es gibt Berge von Müll, und Flüsse sind verpestet. Auch gesellschaftliche Veränderungen sind spürbar, wobei Werte wie die andine Kosmovision und das Prinzip der Reziprozität in manchen Kontexten weniger sichtbar erscheinen.
Impressionen aus den EIRENE-Partnerorganisationen in El Alto
Heute ist die Angst, Opfer irgendeiner Straftat zu werden, groß in der Nachbarschaft. Das Unsicherheitsgefühl plagen auch Gladis und ihre Tochter. „Gesetze werden nicht durchgesetzt, weil die Polizei abseits der städtischen Zentren kaum vorhanden ist“, sagt sie und klagt, "Die Justiz ist von Korruption durchdrungenn.“Die Stadtverwaltung fühlt sich angesichts der Gewalt nicht zuständig und verweist auf das bolivianische Innenministerium. Selbstorganisation und Eigenverantwortung sind abermals gefragt, zählen diese Tugenden doch zu den Stärken der Alteños und Alteñas. Vor dem Hintergrund des Unsicherheitsgefühls fanden die Anwohnenden eine einfache und kostengünstige Lösung. Die Nachbarschaft hat seit 2019 eine WhatsApp-Gruppe, in der sie sich gegenseitig über verdächtige Aktivitäten informieren. Lebensgroße Stoffpuppen, die an Vogelscheuchen erinnern, hängen in El Alto an Laternenpfählen und sollen Einbrecher vertreiben. El Alto hat sich auch in dieser Hinsicht ländliche Ansätze bewahrt, meint Gladis.
In meinen sechs Jahren als ZFD-Fachkraft hatte ich die Möglichkeit, mit vielen Menschen in El Alto zu sprechen und vor allem ihnen zuzuhören. In Zeiten multipler Krisen tat es gut, sich mit Alteños und Alteñas auszutauschen und von ihnen zu erfahren, wie sie Widerständen trotzen und Wege finden, Schwierigkeiten zu überwinden, statt den Kopf in den Sand zu stecken.
von Esther Henning
Zur Autorin: Esther Henning war EIRENE-Fachkraft bei OMAK und FOCAPACI von 2019 bis 2025 und begleitete in dieser Zeit zwei Projekte des ZFD, zuletzt „Gewaltprävention und Zusammenhalt der Gesellschaft imDepartement La Paz“. Konkret unterstützte und begleitete sie Frauenrechtspromoterinnen in ihrer Arbeit für die körperliche und seelische Unversehrtheit von Aymara-Frauen und half, die Projekte bekannter zu machen.







